2020 ermordete ein Rechtsextremist in Hanau neun Menschen. Tuğsal Moğuls bewegendes Theaterstück „And now Hanau“ zeigt die Tatnacht und Versäumnisse von Justiz und Politik am Landgericht Mainz.
Ein bemerkenswerter Theaterabend
Es ist in vielerlei Hinsicht ein ungewöhnlicher, bemerkenswerter Theaterabend. Das fängt schon damit an, dass die Inszenierung nicht auf der Bühne vom Mainzer Staatstheater, sondern im Landgericht stattfindet.
Ein nüchterner, holzvertäfelter Gerichtssaal wird zum Spielort, an dem zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler – im Stücktext heißen sie schlicht A, B, C und D – minutiös nacherzählen, was am 19. Februar 2020 in Hanau passiert ist. Sie richten sich dabei direkt ans Publikum.
Das Stück schließt Gedächtnislücken
Als Zuschauer hat man einiges vergessen. Diese erschreckende Erkenntnis stellt sich schnell und schmerzhaft ein. Hanau? Das war doch das mit den Morden in der Shishabar, so meine Gedanken noch kurz vor der Premiere.
Shishabar: Dieser exotische und meiner persönlichen Lebenswelt vollkommen fremde Schauplatz hat es offenbar ins Langzeitgedächtnis geschafft.
Vergessen hatte ich dafür längst, dass die meisten Opfer gar keine Barbesucher waren. Da war zum Beispiel die 35-jährige Marcedes Kierpacz, sie war an dem Abend nur unterwegs, um eine Pizza für sich und ihre Kinder zu holen.

Unzählige Versäumnisse in der Tatnacht
Da war Vili-Viorel Păun, der mit seinem Auto zur falschen Zeit am falschen Ort war. Oder genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Er versperrte dem Täter den Weg, verhinderte dadurch höchstwahrscheinlich weitere geplante Morde.
Er verfolgte den Mörder und versuchte währenddessen mehrmals die Polizei anzurufen. Vergeblich.
Vili-Viorel Păun wird während seiner Verfolgungsfahrt vom Täter erschossen. Dass die Notrufzentrale in der Tatnacht unzureichend besetzt war, war nur eines von unzähligen Versäumnissen, die mit dem Leben unschuldiger Menschen bezahlt wurden.
Enge Zusammenarbeit mit einem Dokumentarfilmer
Autor Tuğsal Moğul hat bereits mehrere Theaterstücke über rassistische Gewalt geschrieben, zum Beispiel „Auch Deutsche unter den Opfern“ über die Morde des NSU.
Für sein Stück „And now Hanau“, das er gemeinsam mit Franziska Sarah Layritz nun in Mainz selbst inszeniert hat, hat er eng mit einem Dokumentarfilmer zusammengearbeitet. Dieser war schon kurz nach dem Anschlag an den Tatorten.
Außerdem orientiert sich das Stück an den Erkenntnissen von Forensic Architecture: Eine Rechercheagentur, die mit Hilfe modernster Technik staatliche Gewalt und Menschenrechtsverletzungen rekonstruiert.

Angehörige fühlten sich alleingelassen
Forensic Architecture hat sich auch damit beschäftigt, was die Angehörigen der Opfer durchleben mussten.
Während die Polizei Pressevertreter schon kurz nach den Morden informierte, wurden die engsten Angehörigen der Opfer stundenlang im Unklaren gelassen. Dass sie ihre Kinder, Geschwister oder Eltern verloren haben, wurde ihnen nicht unter vier Augen mitgeteilt.
Stattdessen las ein Polizeibeamter die Namen der Mordopfer vor. Die Angehörigen waren allein und sind es über Jahre geblieben. Dies macht die Inszenierung deutlich. Das fassungslose Kopfschütteln darüber im Publikum weicht hier und dort einem Lachen der Verzweiflung.

Schlichte Inszenierung, die nicht kalt lässt
In der ersten Reihe sitzen Mitglieder der „Initiative 19. Februar Hanau“, am Ende des anderthalbstündigen Theaterabends haben einige von ihnen Tränen in den Augen. Genauso Teile des Ensembles.
Die eigentlich sehr schlichte Inszenierung rund um längst belegte Fakten lässt keinen im Publikum kalt. Unvermeidlich dabei auch der Gedanke an die Umfrageergebnisse zur bevorstehenden Bundestagswahl.
Als das Saallicht erlischt, herrscht einige Sekunden Schweigen. Diese theatrale und gleichzeitig dokumentarische Abbildung unserer Wirklichkeit hallt lange nach. Und schafft damit genau das, was sich die Angehörigen wünschen – dass die Opfer und die Ungeheuerlichkeit der Tat nicht in Vergessenheit geraten.
Mehr zum Anschlag in Hanau:
Gespräch Fünf Jahre nach Hanau: Ein Film gibt den Hinterbliebenen eine Stimme
Filmemacher Marcin Wierzchowski präsentiert auf der Berlinale die Doku „Das deutsche Volk“, die die Perspektive der Hinterbliebenen des Anschlags in Hanau in den Mittelpunkt stellt.
Was geht - was bleibt? Zeitgeist. Debatten. Kultur. 3 Jahre nach Hanau - Was bleibt außer Bitterkeit und Misstrauen?
“Wir sind alle Hanau”, hieß es nach dem rechtsextremen Anschlag in Hanau.
Stimmt das? Oder schaut ein großer Teil der Gesellschaft weg - aus fehlender Betroffenheit, aus Ignoranz oder Rassismus? Und wie könnte im Gegenteil dazu eine solidarischere Gesellschaft aussehen?
Am 19. Februar 2020 riss ein Rassist in Hanau neun junge Menschen aus dem Leben. Seitdem sind drei Jahre vergangen, aber “nichts ist aufgearbeitet worden", beklagt der Rapper Aksu, der in seinem Song “Wo wart ihr?” den rechtsextremen Anschlag verarbeitet hat. Die vielen offenen Fragen und auch das offensichtliche Fehlverhalten der Sicherheitsbehörden verstärken sein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Er hätte sich auch in der Musikszene mehr Anteilnahme gewünscht.
Wegsehen zu können sei ein Privileg, meint der Autor Deniz Utlu. Solidarität heißt für ihn, “sich bewusst dafür zu entscheiden, dieses Privileg nicht zu nutzen”.
Aber selbst wenn die Gesellschaft mehr Mitgefühl, mehr Menschlichkeit entwickeln würde - Armin Kurtović, der Vater eines Opfers, gibt zu bedenken: “Egal was wir machen, nichts bringt mir meinen Sohn zurück”.
Habt ihr weitere Themen oder Feedback?
Schreibt uns an kulturpodcast@swr.de.
Hosts: Kristine Harthauer und Philine Sauvageot
Showrunner: Giordana Marsilio
Wir empfehlen zur Folge:
Der Song “Wo wart ihr?” von Aksu https://www.youtube.com/watch?v=gAjHPu3jJKc
Die Soli-Lesung am 11.2. in Hanau und digital https://www.betterplace.org/de/fundraising-events/43634-soli-lesung-in-hanau-wir-vergessen-nicht
SWR2-Feature zur “Lücke von Hanau” https://www.swr.de/swr2/doku-und-feature/die-luecke-von-hanau-100.html
Das Sammelband “Anders bleiben” https://www.rowohlt.de/buch/anders-bleiben-9783499010804
Das Sammelband “Eure Heimat ist unser Albtraum” https://www.ullstein.de/werke/eure-heimat-ist-unser-albtraum/hardcover/9783961010363
Eine ARD-Doku zu den Folgen von Hanau https://www.ardmediathek.de/video/dokus-und-reportagen/hanau-eine-nacht-und-ihre-folgen/hr-fernsehen/Y3JpZDovL2hyLW9ubGluZS8xMjY5MzE
Keywords: Hanau, Anschlag, Rassismus, Solidarität, Gesellschaft, Jahrestag