Zum 125. Geburtstag (und 45. Todestag) Erich Fromms hat sein Nachlassverwalter Rainer Funk eine Textsammlung zusammengestellt, der Titel: „Humanismus in Krisenzeiten“.
Erich Fromm, der Weltbürger und Universalgelehrte, geflohen vor Hitler, hält dem Menschen in der westlichen Zivilisation den Spiegel vor. Seine wichtigen Texte stammen aus den 1960er, 1970er Jahren, die Titel: „Jenseits der Illusionen. Die Bedeutung von Marx und Freud“ (1962); Anatomie der menschlichen Destruktivität“ (1973); „Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft“ (1976).
1968 schreibt Erich Fromm über „den seelischen Zustand des gegenwärtigen Menschen“. Damit beginnt diese Anthologie.
Unsere gesamte industrielle Zivilisation (setzt) praktisch all jene Grundhaltungen außer Kraft (…), die von der religiösen Tradition gefordert werden: die Liebe zum Mitmenschen, die Demut, die Überwindung des Narzissmus, der Gier, des Begehrens nach allem. (…) Unsere industrielle Zivilisation nährt den Egoismus des Menschen, seine Gier nach Dingen, nach Macht, nach Prestige; und sie nimmt den Mut für Selbstlosigkeit und Demut in allen Lebensbereichen, außer vielleicht im Krieg. In Wirklichkeit führt sie zum Götzendienst.
Haben oder Sein
Erich Fromm sprach sich in seinen Texten – als Alternative zum Kapitalismus wie zum real existierenden Sozialismus – für einen humanistischen und demokratischen Sozialismus aus. 1976 erschien „Haben oder Sein“ – Rainer Funk bezeichnet es in seinem Vorwort zur Anthologie als „Kultbuch für eine Generation“. In der Anthologie finden sich dazu weitere Gedanken und Analysen. Im Abschnitt „Orientierungslosigkeit und Fanatismus“ von 1968 heißt es.
Wir fahren anscheinend »nirgendwohin« mit immer schnellerer Geschwindigkeit. Dieses »Nirgendwohin« kann in Wirklichkeit die Selbstzerstörung des Menschen bedeuten. Wir erfinden immer wirksamere Waffen, um zu zerstören, und nehmen nicht wahr, dass wir den Weg unserer eigenen »Auslöschung« eingeschlagen haben. (…) Wir müssen uns dazu entscheiden und willens sein, die Liebe höher einzuschätzen als den Hass, die spirituelle Stärke dem Erfolg auf dem Markt vorzuziehen, das Sein als wichtiger anzusehen als das Haben.
Narzissmus und Gruppennarzissmus
Es folgen die Kapitel „Warum Krieg?“ sowie „Identitätssuche und rechtspopulistischer Narzissmus“. Der moderne Mensch fühle sich „nicht nur ohnmächtig, einsam und ängstlich“, schreibt Fromm, er langweile sich auch zutiefst. Abgelenkt und in die Irre geführt von Marketing, Werbung und Unterhaltungsmedien aller Art, komme er vom Weg ab und versinke in Ohnmacht.
Und die Krux in allem Herumirren seien der Narzissmus des Einzelnen und der Gruppennarzissmus der Gefolgschaft. So werden Helden erzogen und gekürt, so werden Potentaten gefördert. In „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ von 1973 heißt es:
Unter politischen Führern ist ein hochgradiger Narzissmus sehr häufig anzutreffen. (…) Wenn der betreffende Führer von seinen außergewöhnlichen Gaben und von seiner Mission überzeugt ist, wird es ihm leichter fallen, das große Publikum zu überzeugen, das sich von Männern angezogen fühlt, die ihrer Sache absolut sicher zu sein scheinen. (…) Populärer Erfolg ist sozusagen ihre Eigentherapie gegen Depressionen und Wahnsinn. Wenn sie um ihre Ziele kämpfen, kämpfen sie in Wirklichkeit um ihre geistige Gesundheit.
Krieg und Frieden
„Die Mobilisierung des Gruppennarzissmus“, schreibt Fromm, sei „eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Vorbereitung eines Krieges“. 1962 analysiert der Psychoanalytiker:
Die westliche Welt heute, fürchte ich, zeichnet sich durch einen großen Mangel an Glauben aus. (…) Der Hass weist auf eine moralische Verzweiflung und auf einen tiefen Defätismus hin. Wer seine Kultur durch Kriege zu retten versucht, wird in der gegenwärtigen Situation nicht seine Werte, ja nicht einmal sein Leben damit retten.
Erich Fromms Texte laden zum Innehalten ein, es sind Gedanken zum Reflektieren. All das ist getragen von Menschenliebe, Humanismus und der Sehnsucht nach einer friedfertigen Welt. Brandaktuell für unsere Gegenwart.
Mehr Literatur zum Thema Humanismus und Krisenzeiten
Buchkritik Erasmus von Rotterdam – Die Klage des Friedens
Der Humanist Erasmus von Rotterdam hat nicht ahnen können, wie sehr die Kriege in Nahost, in der Ukraine, im Sudan und anderswo die Welt in Unruhe versetzen. Und doch schrieb Erasmus 1517 ein Traktat für den Frieden, das zu einem Klassiker des politischen Denkens wurde - zeitlos, aufrüttelnd, unbequem.
Rezension von Michael Kuhlmann
Buchkritik Markus Gabriel – Fiktionen
Der deutsche Shooting-Star der Philosophie Markus Gabriel greift gängige Weltbilder als Fiktionen an, hält nichts von Künstlicher Intelligenz und plädiert für einen neuen Humanismus.
Rezension von Konstantin Sakkas.
Suhrkamp Verlag, 636 Seiten, 32 Euro
ISBN: 978-3-518-58748-5
Buchkritik Sumit Paul-Choudhury – The Bright Side. Eine optimistische Geschichte der Menschheit
Der britische Physiker plädiert für mehr Optimismus, auch bei Krisen. Eine hoffnungsstiftenden Analyse wissenschaftlicher Erkenntnisse. Rezension von Corinne Orlowski
Neue Lösungen für eine Welt in Veränderung „Werte. Ein Kompass für die Zukunft“ – Maja Göpel über ihr neues Buch
In ihrem neuen Buch „Werte. Ein Kompass für die Zukunft“ nimmt uns die Gesellschaftsforscherin und Autorin Maja Göpel auf eine Reise zu den Werten, die unser Zusammenleben prägen.
Buchkritik Philipp Blom – Hoffnung
Vom Verbraucherrecht auf Glück zur erwachsenen Hoffnung: Historiker Philipp Blom erkundet in Briefform die Komplexität des Hoffens in einer Welt voller Krisen. Ein eindrucksvolles Plädoyer für intellektuelle Redlichkeit und gegen trügerischen Optimismus.
Rezension von Oliver Pfohlmann