Buchkritik

Thomas Mann – Deutsche Hörer!

Stand

Von Autor/in Ulrich Rüdenauer

Genau zur richtigen Zeit, da sich der Faschismus auf der ganzen Welt wieder ausbreitet, werden Thomas Manns Rundfunkansprachen in „Deutsche Hörer!“ neu veröffentlicht.

Solange er lebe, werde er ein Deutscher sein und unter dem Schicksal Deutschlands leiden und unter all dem, was es nach dem Willen verbrecherischer Gewaltmenschen seit sieben Jahren, moralisch und physisch, der Welt zugefügt hat. Das sagte Thomas Mann im Oktober 1940 in der ersten seiner Radiobotschaften an die „Deutschen Hörer“, die über die BBC ausgestrahlt wurden und auch in Deutschland zu empfangen waren.

Mehr als 50 weitere Reden sollten folgen. Es sind eindringliche Appelle, getragen von der Verzweiflung über die schamlosen Taten Hitler-Deutschlands und einem unerschütterlichen Glauben an den Sieg der alliierten Kräfte. 

Hitlerdeutschland hat weder Tradition noch Zukunft. Es kann nur zerstören, und Zerstörung wird es erleiden.

In Teilen schon 1942, dann fast vollständig 1945 sind sie im Exilverlag Bermann Fischer in Stockholm in Buchform erschienen. Weitere Ausgaben folgten. Die jüngste liegt nun, versehen mit einem emphatischen Vor- und Nachwort Mely Kiyaks, zum 150. Geburtstag Thomas Manns vor. 

„Schäbige Grausamkeit und Rachsucht“ 

Es ist ein guter historischer Moment, sie erstmals oder neuerlich zu lesen, mit Demut vor der Integrität und Klarheit Manns. Aber auch mit einem gewissen Schauder. Denn manche Passagen könnten auch als Kommentare aktueller Geschehnisse durchgehen. Der Name „Hitler“ ließe sich mitunter durch den Namen „Putin“ ersetzen, die dummdreist vorgetragenen Tiraden von AfD-Funktionären klingen wie ein Nachhall des rassistischen Wutgetöses, das Thomas Mann mit ungläubigem Entsetzen und wortmächtig verurteilt.

Man möge sich doch überzeugen lassen, heißt es einmal, dass das Individuum Hitler in seiner unergründlichen Verlogenheit, seiner schäbigen Grausamkeit und Rachsucht, mit seinem unaufhörlichen Hassgebrüll, seiner Verhunzung der deutschen Sprache, seinem minderwertigen Fanatismus, seiner feigen Askese und armseligen Unnatur, seiner ganzen defekten Menschlichkeit, die abstoßendste Figur sei, auf die je das Licht der Geschichte fiel. 

Thomas Mann ist in diesen Reden ein Patriot, der die Engstirnigkeit des Nationalismus verachtet: Er versucht, auch wenn es ihm schwerzufallen scheint, in seiner Ansprache zu trennen zwischen den verblendeten Deutschen und deren verbrecherischen Anführern.

Früh spricht er von dem bestialischen Massenmord an Juden. In seinen Aufrufen an die Deutschen, doch endlich zur Besinnung zu kommen und sich, wenn auch durch späte Einsicht, nicht vollkommen aus der menschlichen Gemeinschaft der Völker herauszukatapultieren, steckt immer auch der Glaube an die Möglichkeit eines Neuanfangs. 

Den Landsleuten ins Gewissen reden 

Den Brandstiftern, die halb Europa in eine Katastrophe gerissen haben, setzt er den antiheroischen Helden Franklin D. Roosevelt entgegen. Dessen Wiederwahl 1940 sieht er als „Ereignis ersten Ranges“ an, „vielleicht entscheidend für die Zukunft der Welt“. Immer wieder redet er seinen Landsleuten ins Gewissen. 

(…) der deutsche Name zum Inbegriff gemacht allen Schreckens, aller geilen Raubsucht, schandbaren Grausamkeit, erbarmungslosen Gewalt, so dass das Gedächtnis der Völker an vieles Gute, Große und Liebenswerte, womit der deutsche Geist einst die Menschheit beschenkt hat, unterzugehen droht in einem Meer von Hass.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Thomas Mann von konservativer Seite und Vertretern der sogenannten Inneren Emigration vielfach attackiert, als Landesverräter verunglimpft. Er habe von den bequemen Logenplätzen des Auslands der deutschen Tragödie zugeschaut. Nein. Er hat gelitten.

Thomas Mann war, schreibt Mely Kiyak, ein Antifaschist. Er sei dem Faschismus und denen, die ihm bedingungslos folgten, mit der einzig richtigen Haltung begegnet: Er habe ihn persönlich genommen. „Deshalb waren seine Reden groß“, so Kiyak. Sie sind so groß, dass man sie in diesen Zeiten, in denen der Faschismus wieder salonfähig wird, unbedingt lesen muss.

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Ulrich Rüdenauer