SWR2 lesenswert Kritik

Howard W. French – Afrika und die Entstehung der modernen Welt. Eine Globalgeschichte

Stand
Autor/in
Roman Kaiser-Mühlecker

Howard W. French beleuchtet ein halbes Jahrtausend blutgetränkter transatlantischer Beziehungen und weist Afrika seinen zentralen Platz in der Geschichte der Moderne zu.

Aus dem Englischen von Karin Schuler, Thomas Stauder und Andreas Thomsen
Klett-Cotta Verlag, 512 Seiten, 35 Euro
ISBN 978-3-608-98667-9

Der 1957 geborene Howard Waring French ist ein amerikanischer Journalist. Er war lange als Auslandskorrespondent für die „New York Times" tätig, in der Karibik und Südamerika, in Shanghai und mehrere Jahre in Afrika. Sein Buch heißt: „Afrika und die Entstehung der modernen Welt. Eine Globalgeschichte" – Roman Kaiser-Mühlecker.

Am Anfang dieser Reise steht eine Weltkarte. Nicht die bekannte Mercator-Projektion, in dessen Zentrum unverrückbar Europa steht, sondern die Karte des japanischen Designers Hajime Narukawa, die die Größenverhältnisse perspektivisch unverzerrt darstellt. In ihr nimmt Afrika den Platz ein, der dem Kontinent gebührt: Die Stauchung in der Mitte ist aufgehoben, die Landmasse wirkt deutlich größer und imposanter. Howard W. French nimmt sich in seinem Buch „Afrika und die Entstehung der modernen Welt“ etwas ganz Ähnliches wie Narukawa vor.

Es geht ihm um eine grundlegende Perspektivenkorrektur und das Entlarven falscher, oder zumindest grob unvollständiger Erzählungen über die Geschichte der Welt seit dem Zeitalter der großen Entdeckungsfahrten. Afrika, schreibt French, war zunächst alles andere als ein „Hindernis“ auf dem Seeweg nach Asien, sondern vielmehr von Anfang an Hauptziel der Erkundungen. Seit dem Mittelalter kursierten Gerüchte über den sagenhaften Goldreichtum Afrikas, die sich für Portugal in Elmina im heutigen Ghana bewahrheiten sollten. Nach dem afrikanischen Gold, das einen frühen Welthandel stimulierte, rückte Zucker ins Zentrum der kolonialen Begehrlichkeiten. Die Plantagen auf Sao Tomé dienten als Prototyp für die Pflanzungen in Brasilien und der Karibik. Von Anfang an schufteten dort afrikanische Sklaven und ermöglichten eine Kalorienrevolution auf dem Alten Kontinent, die die Basis für Bevölkerungswachstum und Produktivitätssteigerungen war. Sie waren es auch, die später unter unmenschlichen Bedingungen den Rohstoff der industriellen Revolution zur Verfügung stellten: Die Baumwolle. Sie mehrten nicht nur den Wohlstand Englands sondern begründeten auch die Lebensfähigkeit der nordamerikanischen Kolonien, die die Zuckerökonomien der Karibik belieferten. Der erfolgreiche Aufstand der Sklaven des späteren Haiti brachte Napoleon dazu, seine transatlantischen Ambitionen aufzugeben und Louisiana an die USA zu verkaufen. Ein Gebiet, das später – bittere Ironie – wieder von versklavter Arbeit leben sollte, und den Aufstieg der USA zur Weltmacht mitermöglichte.  

„Der aus Afrika verschleppte Sklave als Dreh- und Angelpunkt der Moderne“, das ist die Leitidee von Frenchs Darstellung. Allerdings ist es keine reine Erzählung über „Dominanz und Ausbeutung“. French rückt Schwarze Akteure in den Vordergrund, die in den meisten historischen Darstellungen unsichtbar gemacht worden sind. Auf der Reise durch ein halbes Jahrtausend blutgetränkter transatlantischer Geschichte begegnen uns leistungsfähige afrikanische Reiche und gewiefte Herrscher, die die europäischen Eindringlinge gegeneinander ausspielen - und sich gleichzeitig am Aderlass des Kontinents mitschuldig machen. Wir lesen von ehemaligen Sklaven, die nacheinander die Heere Großbritanniens, Spaniens und Frankreichs in die Flucht schlagen. Und von Abkömmlingen versklavter Baumwollpflücker, die die Musikgeschichte in völlig neue Bahnen lenken.

Olaudah Equiano aus dem Volk der Igbo wird als Jugendlicher Mitte des 18. Jahrhunderts an der Bucht von Biafra gefangen genommen und in die Sklaverei verkauft. Angstvoll wendet er sich an seine Mitgefangenen auf dem Schiff. „Ich fragte sie“, erinnert er sich in seiner Autobiographie, aus der French zitiert, „ob wir nicht von diesen weißen Männern mit fürchterlichem Aussehen, roten Gesichtern und losen Haaren aufgefressen würden.“ Es ist der radikale Perspektivenwechsel, der die Lektüre dieser „Globalgeschichte“ so überraschend, erhellend und aufrüttelnd macht. Der ehemalige Büroleiter der New York Times in Westafrika und der Karibik versteht es immer wieder, mit persönlichen Anekdoten und Reiseberichten die Relevanz des Erzählten für unser Heute begreiflich zu machen. Die deprimierenden und oft vergeblichen Suchen des Autors nach Mahnmälern der Sklaverei in malerischen Landschaften auf beiden Seiten des Atlantiks gehören so zu den eindrücklichsten Stellen des Textes. „Afrika und die Entstehung der modernen Welt“ ist eines dieser seltenen Bücher, die vermeintliche Gewissheiten nachhaltig erschüttern und einen ganz besonderen Platz im Bücherregel verdienen. 

Stand
Autor/in
Roman Kaiser-Mühlecker