Buchkritik

Isabel Allende - Violeta

Stand
Autor/in
Eva Karnofsky

Violeta ist eine typische Isabel-Allende-Heldin: sympathisch, kämpferisch, selbständig. Inzwischen ist sie hundert Jahre alt und schaut auf ihr abenteuerliches Leben zurück, das von Chiles wechselvoller Geschichte, persönlichen Schicksalsschlägen und unheilvollen Beziehungen geprägt war.

„Mein Leben ist es wert, erzählt zu werden“, schreibt Violeta an ihren Enkel Camilo

Violeta vermutet nun, dass ihr Leben sich dem Ende nähern könnte, und entschließt sich, ihre Autobiographie zu schreiben. In Form eines langen Briefes an ihren Enkel Camilo.

„Mein Leben ist es wert, erzählt zu werden, was weniger an meinen tugendhaften als an meinen sündigen Taten liegt, von denen Du viele nicht ahnst“,
(Aus Isabel Allende: Violeta)

schreibt sie ihm. Sie erblickte 1920 das Licht der Welt, als die erste große Pandemie wütete - die Spanische Grippe. Nicht nur die todbringende Seuche vertreibt die Familie dann aus der Hauptstadt: Der Vater hat auch mit Betrügereien sein Unternehmen ruiniert und kann sich in den besseren Kreisen nicht mehr sehen lassen. So flüchtet die Familie in den rauen Süden Chiles.

Violeta heiratet einen Mann aus einer ultrakonservativen deutschen Einwandererfamilie

Violeta, das Mädchen aus der gebildeten Oberschicht, wird nun in bescheidenen Verhältnissen groß, auf einem kleinen Hof, in einer von indigenen Gebräuchen geprägten Welt. Isabel Allende schildert das Leben im bäuerlichen Süden mit der ihr eigenen Lebendigkeit. Zunächst bewegt sich Violeta noch auf den für eine junge Frau damals vorgesehenen Pfaden: Sie heiratet einen Mann aus einer ultrakonservativen deutschen Einwandererfamilie.

„»Fabian ist ein guter Junge, anständig, fleißig, geradeheraus, er hängt an seiner Familie, wie sich das gehört, und der Tierarztberuf ist aller Ehren wert«, sagte Tante Pilar.
»Dieser Junge ist einer, der für eine einzige große Liebe geschaffen ist«, ergänzte Tante Pía, unverbesserlich romantisch.
»Er ist ein Langweiler. So vorhersehbar, dass man jetzt schon weiß, wie er in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren sein wird«, wandte ich ein.“
(Aus Isabel Allende: Violeta)

Als der Pilot Julián Violetas Weg kreuzt, beginnen ihre „sündigen Taten“

Gegen Fabians Willen und die gesellschaftlichen Gepflogenheiten im Chile der vierziger Jahre, stellt sich Violeta allerdings früh wirtschaftlich auf eigene Füße. Sie führt mit ihrem Bruder eine Firma, die Holzhäuser baut. Als der Pilot Julián ihren Weg kreuzt, beginnen ihre „sündigen Taten“. Von da an wird das Buch erst zu einem Liebes- und dann zu einem Abenteuerroman.

Violeta verlässt ihren Mann Fabian und bekommt zwei Kinder mit Julián. Der mutet ihr viel zu – Lügen, Seitensprünge, Gewalt. Und er verwickelt sie zudem in dunkle Geschäfte. Kurz: In die Figur des attraktiven Verführers Julián hat die Autorin alles Schlechte hineingepackt, wogegen sich Frauen bei Männern wehren sollten – womit sie ihrer Violeta die Chance gibt, sich aus dieser toxischen Beziehung zu winden und sich als feministisches Vorbild zu beweisen. Etwas weniger dick aufgetragen und in ein paar Verbrechen weniger verwickelt, wäre dieser Julián immer noch Scheusal genug, aber ein realistischerer Gegenspieler für die durchaus glaubhafte Protagonistin Violeta.

Historische Ereignisse werden immer nur aufgezählt. Eingeordnet, bewertet oder hinterfragt werden sie nie

Die Figur des Julián wird von Allende auch benutzt, um sämtliche bedeutenden Krisen des 20. Jahrhunderts anzuschneiden. Da darf die kubanische Revolution von 1959 nicht fehlen. Also arbeitet Widerling Julián auch für Kubas rechten Diktator Batista – sowie für dessen Gegner, den Revolutionär Fidel Castro. Die Autorin belässt es allerdings immer nur bei der Aufzählung der historischen Ereignisse. Eingeordnet, bewertet oder hinterfragt werden sie nie. Und direkte Auswirkungen auf Violetas Leben haben sie auch nicht.

Später lässt sich Julián mit der chilenischen Diktatur und mit der berüchtigten Colonia Dignidad ein. Auch wenn sie im Roman Colonia Esperanza heißt – es ist unschwer zu erkennen, dass die deutsche Enklave gemeint ist, die unter anderem als Folterzentrum für Oppositionelle fungierte.

„Über die Colonia Esperanza gingen beunruhigende Gerüchte um. Ein Journalist begann nachzuforschen, nannte sie eine Enklave, in der Ausländer am Rande des Gesetzes lebten, eine Gefahr für die nationale Sicherheit, aber niemand hörte auf ihn. Von den Bewohnern hatte sich offiziell niemand etwas zuschulden kommen lassen, und sie verdienten sich die Achtung ihrer Nachbarn damit, dass sie eine kleine Krankenstation eröffneten, in der Patienten aus dem Umkreis kostenlos behandelt wurden, und der Kirche regelmäßig Kisten mit Gemüse spendeten, das an bedürftige Familien verteilt wurde. »Die Kolonie wird nicht angerührt, das Militär hält seine schützende Hand darüber. Dort werden Spezialkräfte ausgebildet«, sagte Julián mir bei einem seiner Besuche.“
(Aus Isabel Allende: Violeta)

Wenn Isabel Allende wie hier von der Militärdiktatur erzählt, die von 1973 bis 1990 das Land unter ihrer Knute hatte, bemüht sie sich erst recht, nichts auszulassen – obwohl auch die Colonia Dignidad – oder Esperanza – für Violetas Leben keine Rolle spielt.

Mit Violeta steht erstmals eine Hauptfigur Allendes nicht auf Seiten des gestürzten, linken Präsidenten Salvador Allende

Mit Violeta steht allerdings ihre Hauptfigur erstmals nicht auf Seiten des gestürzten, linken Präsidenten Salvador Allende. Unternehmerin Violeta mag die Linke nicht sehr, hält sich aber raus aus der Politik. Der Perspektivwechsel gelingt der Autorin: Sie schildert, wie Violeta politisch Distanz wahrt – um mit jeder Regierung Geschäfte zu machen.

Isabel Allende selbst hält es bis heute mit der chilenischen Linken. Ihr Vater war der Vetter des demokratisch gewählten, sozialistischen Präsidenten Salvador Allende. Ihn hatte Militärdiktator Augusto Pinochet damals aus dem Amt geputscht. Isabel Allendes 26. Roman enthält weder inhaltliche noch stilistische Überraschungen, ist aber sauber recherchiert und schlüssig konstruiert.

In Isabel Allendes 26. Roman gibt es keine Überraschungen, flüssig zu fabulieren versteht die achzigjährige Autorin aber immer noch

Und die Fans von Isabel Allendes starken Frauenfiguren werden Violeta mögen, gelingt es ihr doch immer wieder, sich aus Abhängigkeiten zu befreien und so etwas wie das kleine private Glück zu erreichen. Obwohl nun fast achtzig Jahre alt – flüssig zu fabulieren versteht Isabel Allende immer noch.

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Eva Karnofsky