Erinnerungskultur muss mehr sein als Kränze niederlegen und Reden halten. Wie aber kann sie aussehen? Die Autorin Asal Dardan erkundet die Gewaltgeschichte Deutschlands – und wie sie in der Gedenkkultur nachwirkt.
Schon lange wird darüber diskutiert, wie Erinnerungskultur ausgestaltet werden soll: Wie kann solidarische Erinnerung an Gewalt aussehen, die sich nicht auf leere Reden und das Niederlegen von Kränzen beschränkt?
Damit hat sich die in Iran geborene Autorin Asal Dardan beschäftigt. 2021 veröffentlichte sie ihre vielbeachtete Essaysammlung „Betrachtungen einer Barbarin“. Jetzt begibt sie sich in ihrem neuen Buch „Traumaland“ auf „eine Spurensuche in deutsche Vergangenheit und Gegenwart“, wie der Untertitel heißt.
Dem Verlust nachspüren
Trauerarbeit meint, der Bedeutung von Verlust immer wieder nachzuspüren, schreibt Asal Dardan gleich zu Beginn ihres Buches „Traumaland“ – eine kritische, zweifelnde und tastende Befragung von deutscher Erinnerungskultur.
Für wen ist diese Erinnerungskultur überhaupt gedacht, fragt sie sich und uns, wer sind die Adressaten, wen spricht sie an? Und welche Geschichten werden dabei nicht gehört, wurden vergessen oder bewusst ausgelöscht und warum?
Und wie muss Erinnerungskultur versagt haben, wenn sich die Spur rechtsterroristischer Gewalt bis heute wie ein blutroter Faden durch Deutschland zieht?
Sich als Gesellschaft aufrichtig zu erinnern, ist solidarisches Handeln, in ständiger Aushandlung und Suche nach dem, was vergessen und verdrängt wurde.
Auf dieser Spurensuche nach Verdrängtem durchläuft Asal Dardan verschiedene Orte und durchmisst den Raum, in dem die Geschichte Spuren hinterlassen hat. Auf ihren Wegen durch Berlin, Dessau, Köln und Hoyerswerda erkundet sie Orte, die ähnliche Geschichten aus unterschiedlichster Zeit erzählen und somit zu historischen Echos werden:
Wenn das Echo nicht zu überhören ist, wenn sich die Situationen so sehr ähneln, kann man sie nicht getrennt voneinander betrachten, so sehr Teile dieser Gesellschaft sich auch wünschen, sie seien nicht miteinander und damit auch nicht mit ihnen verbunden.
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Menschen werden zueinander ins Verhältnis gesetzt
Dieses im Raum verortete Erzählen, setzt auf erschütternde Weise Menschen zueinander ins Verhältnis, die sonst kaum in Verbindung gebracht werden.
In Dessau reicht die Geschichte von ermordeten jüdischen Bauhaus-Studentinnen über den Bauhaus-Architekten, der Auschwitz miterbaute, bis in das Jahr 2016, in dem die chinesische Studentin Yangjie Li Opfer eines rassistischen Femizids wurde, in derselben Stadt in der auch Oury Jalloh aus Sierra Leone in Polizeigewahrsam verbrannte.
Opfergruppen: Unterteilung in die anderen und wir
Der räumliche Bezug lässt so die Kontinuität von Gewalt deutlich hervortreten. Dieses Buch führt in seiner neu entworfenen Landkarte des rechten Terrors zu unterschiedlichsten Erkenntnissen.
NS-Ideologie, die Menschen rassifiziert und in Gruppen aufgeteilt hat, kostet bis heute Menschenleben. Diese künstliche Trennung setzt sich in der Gedenkkultur nicht nur dann fort, wenn jede Opfergruppe ihr eigenes Denkmal erhält, sondern auch und vor allem, wenn heute wie damals Menschen mittels derselben Rassifizierung als Andere und Fremde markiert werden.
Es mutet jedenfalls seltsam an, dass ausgerechnet jene Gesellschaft, die von sich behauptet, ihre nationale Identität fuße auf einem verantwortungsvollen Umgang mit den begangenen Verbrechen gegen diskriminierte Gruppen, dieses historische Erbe nutzt, um nun andere Gruppen als rückständige Andere zu degradieren und auszugrenzen.
Dardan findet, dabei entstehe „eine hierarchische Konstruktion, die ein wissendes moralisches Wir einem defizitären, moralisch fragwürdigen Ihr gegenüberstellt.“
Neues System der Abwertung?
So organisiert Erinnerungskultur in Deutschland Zugehörigkeit. So treten flüchtende Menschen, die in Deutschland im Exil oder als Teil einer verstreuten Diaspora leben, erneut in die Gewaltgeschichte des Landes ein. Dem Trauma, der Verfolgung und dem Krieg vermeintlich entkommen, geraten sie erneut in ein System von Diskriminierung, Abwertung und Bedrohung.
Asal Dardan arbeitet auf beeindruckende Weise heraus, dass, solange diese Gewalt andauert, Erinnerung nicht reicht und Denkmäler dagegen wenig ausrichten können.
Sie versteht Erinnerung vielmehr als solidarische Praxis, denn – auch das zeigen ihre vielfältigen Geschichten – es gab und gibt Allianzen, die Möglichkeit der Verbindung und Rettungsmomente zwischen Menschen, über alle Identitäten hinweg.
Die Verhältnisse nicht allein ändern zu können, den Lauf der Dinge, den rollenden Steinblock der Gewalt nicht aufhalten zu können, erlaubt dennoch die Freiheit, sich für einen anderen Menschen zu entscheiden. Sich zu entscheiden, ihn zu sehen und an ihm festzuhalten, damit er nicht glaubt, aus dem Leben zu fallen oder von anderen aus ihm verdrängt zu werden.
Erinnern heißt für Asal Dardan also vor allem, weitere Opfer und Verbrechen in der Gegenwart zu verhindern und so zerstörte Gerechtigkeit wieder aufzubauen. Das Buch „Traumaland“ verteidigt mit unbeirrter Stimme das Gesetz der Humanität und es leuchtet damit in unserer von akuter Gewalt geprägten Gegenwart.
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