Moderne und avantgardistische Kunst wurde als „entartet“ diffamiert
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten waren Kunst und Kultur nicht mehr frei und autonom. Sie wurden durch die Reichskulturkammer kontrolliert. Wer hier kein Mitglied war, durfte seinen Beruf nicht ausüben. Das betraf unter anderem Schriftsteller, Musiker, Schauspieler und die ganze Kulturszene.
Jüdischen, kommunistischen und überhaupt unliebsamen Künstlern wurde so ein Berufsverbot auferlegt. Vor allem moderne und avantgardistische Kunst lehnten die Nationalsozialisten ab und bezeichneten sie als „entartet“. Viele Kunstschaffende wurde verfolgt, mussten fliehen oder verließen Deutschland, eben weil sie ihre Kunst nicht mehr ausüben konnten.
Unter ihnen sind berühmte Künstler wie Paul Klee oder Otto Dix, der 1933 einer der ersten entlassenen Kunstprofessoren war. Aber auch viele heute weniger bekannte Künstler und Künstlerinnen waren von der Nazi-Diktatur betroffen, unter ihnen auch Kunstschaffende aus Rheinland-Pfalz.
Bildhauerin Jacqueline Diffring flieht aus Koblenz
Jacqueline Diffring wurde 1920 in Koblenz geboren. Sie stammte aus einer wohlhabenden bürgerlichen Familie, doch ihr Vater war Jude. Er verlor nach der Machtergreifung der Nazis sein Stoffgeschäft und Jacqueline wurde vom Schulleiter gedrängt, die Schule zu verlassen.
Mit ihrem Bruder Anton, der später ein recht bekannter Schauspieler wurde und in britischen Filmen oft ausgerechnet Nazi-Rollen spielen musste, ging sie daraufhin ins sicher geglaubte Berlin. Dort besuchte Jacqueline die berühmte Reimann-Schule für Kunst und Kunstgewerbe.
1939 flohen die Geschwister endgültig nach London, wo Jacqueline Diffring Schülerin des bekannten Bildhauers Henry Moore wurde. Sein Einfluss auf Diffrings Arbeiten ist noch in ihren biomorphen Skulpturen zu erkennen.
Nach dem Krieg kehrte sie 1954 auf Wunsch ihrer Mutter nach Koblenz zurück. Aber glücklich wurde Diffring dort nicht und verstummte auch als Künstlerin. Erst nach der Trennung von ihrem Mann 1977 begann sie ein neues Leben in Südfrankreich. Hier startete sie auch künstlerisch nochmal voll durch, hatte ihr erstes Atelier und stellte ihre Skulpturen aus.
SWR Kultur Doku über das Leben von Jacqueline Diffring
Sie selbst wollte ihr Leben lang nicht mehr nach Koblenz zurückkehren. Doch ihre Arbeiten und ihr gesamter Nachlass sollten nach ihrem Tod 2020 an ihre Heimatstadt übergehen. Darum hat sich ihr Galerist und enger Freund Joachim Becker gekümmert. Ihn und weitere Weggefährten traf die SWR-Journalistin Anika Keil für die Doku „Mein Draht zur toten Künstlerin – Anika Keil auf den Spuren von Jacqueline Diffring“.
Doch nicht nur Teile von Diffrings Arbeiten sind mittlerweile im Koblenzer Mittelrhein-Museum zu sehen. Dort wurde auch ihr Atelier nachgebaut. Durch ein Museums-Schaufenster ist unter anderem ein noch lehmverschmiertes Telefon zu sehen und die letzte Plastik aus Ton, an der die Künstlerin gearbeitet hat. Alles ist so, als wäre Diffring gerade mal kurz aus dem Raum gegangen.
Doch dieser besondere Blick auf ihre Arbeit wird wahrscheinlich bald dem Stadtarchiv weichen, so eine Sprecherin des Museums. Denn das soll gemäß Stadtratbeschlusses in die Räumlichkeiten einziehen. Die Arbeiten von Diffring müssten dann wohl zurück ins Depot.
Der Matisse-Schüler Hans Purrmann kommt aus Speyer
Im Gegensatz zu Jacqueline Diffring hatte der 1880 in Speyer geborene Hans Purrmann schon eine künstlerische Karriere, bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen. In der Werkstatt seines Vaters arbeitete er erst als Dekorationsmaler, bevor er an der Akademie der Bildenden Künste München studierte. Begeistert von der Kunst von Max Slevogt und Max Liebermann zog es Purrmann später nach Berlin, bevor er weiter nach Paris reiste, wo er die französischen Impressionisten studierte.
Überhaupt reiste Purrmann viel, lernte neben Slevogt und Liebermann auch Pablo Picasso und Henri Matisse kennen. Er sammelte Kunst, etwa von Renoir und Cézanne, und schrieb über sie. In seinen Bildern arbeitete Purrmann mit leuchtenden Farben und blieb immer gegenständlich – trotz seiner Beschäftigung mit dem Expressionismus und dem Kubismus.
Ein Künstlerleben zwischen Deutschland, Frankreich und Italien
Noch vor Ende des Ersten Weltkrieges fand 1918 in Berlin Purrmanns erste große Einzelausstellung statt, so schreibt es das Purrmann-Archiv auf seiner Internet-Seite.
In den 1920er-Jahren lebte Purrmann mit seiner Frau Mathilde Vollmoeller-Purrmann, die ebenfalls Künstlerin war, und den gemeinsamen Kindern in Italien. In den Sommermonaten kehrte Purrmann immer wieder nach Deutschland zurück, in ein Fischerhaus in Langenargen.
Doch nach der Machtergreifung der Nazis wurde Purrmanns Kunst geächtet, er selbst wurde nach Angaben des Exilarchivs der Deutschen Nationalbibliothek als „Französling“ bezeichnet. Seine Teilnahme an der Beerdigung von Max Liebermann 1935 wurde ihm demnach zum „politischen Verhängnis“. Die Gestapo hatte die Beisetzung überwacht und Purrmann floh nach Florenz.
Zuflucht in Florenz
Dort übernahm er die Verwaltung der Deutschen Künstlerstiftung Villa Romana. Eine „überraschende Wahl“, so das Purrmann Archiv, weil es „unter den 13 Kandidaten mehrere Nazis“ gab. Der Künstler baute laut der Deutschen Nationalbibliothek die Villa zu einem geschätzten Kunstzentrum aus und um ihn gruppierten sich mehrere aus Nazi-Deutschland geflohene Künstler, wie etwa Monika Mann oder Rudolf Levy.
Purrmanns Kunst galt nun als „entartet“. 36 Gemälde seien aus deutschen Museen entfernt wurden, so das Purrmann Archiv. Viele sind bis heute verschollen. Als sich Hitler und Mussolini 1938 in Florenz treffen, wird Hans Purrmann außerdem einige Tage inhaftiert.
Nach dem Krieg: Ausstellungen in seiner Heimat und ganz Deutschland
Als dann 1943 auch Italien von Deutschland besetzt wird, flieht Purrmann ein weiteres Mal. Mit dem letzten Zug sei er abgefahren, schreibt er in einem Brief: „Ich habe viel erlebt, ohne dass mir persönlich etwas geschehen wäre.“ In der Schweiz angekommen trifft er Hermann Hesse, der nach Angaben der Deutschen Nationalbibliothek sein künstlerischer Wegbegleiter wird.
In den 1950er-Jahren beginnt für Purrmann ein künstlerischer Rehabilitationsprozess. 79 Gemälde werden 1950 bei einer Einzelausstellung in Kaiserslautern gezeigt, die dann auch in Mannheim und Stuttgart wird und schließlich in seiner Geburtstadt Speyer zu sehen ist.
Es folgen noch viele weitere Ausstellungen und Purrmann reist weiter: nach Griechenland, Frankreich und natürlich Italien. Auch in seinen letzten Lebensmonaten malt Purrmann noch. Er stirbt 1966. Seine letzten Worte sollen nach Angaben des Purrmann Archivs gewesen sein: „Port mi i colri!“, zu Deutsch: „Bringt mir die Farben“.
Die Bildhauerin Emy Roeder lebte und lehrte in Mainz
Emy Roeder gilt als wichtige bildhauerische Expressionistin. Geboren wurde sie 1890 in Würzburg, nach dem Zweiten Weltkrieg fand sie in Mainz eine neue Heimat und übernahm einen Lehrstuhl an der Mainzer Kunstschule.
Schon in den 1920er-Jahren etablierte sie sich als Bildhauerin in Berlin – als eine der wenigen Frauen. Dort lernte sie nicht nur Käthe Kollwitz und Ernst Barlach kennen, sondern schloss sich auch Künstlergruppen an. Nach Angaben des Museum Kulturspeicher in Würzburg war Roeder Mitglied der „Novembergruppe“ und der „Freien Secession“.
Auch Emy Roeder geht ins Exil nach Italien
Roeders Mann, der Bildhauer Herbert Garbe, war erst SPD-Mitglied, trat aber 1933 der NSDAP bei. Gemeinsam gingen sie erst nach Rom, bevor Garbe allein nach Berlin zurückkehrte. Ab 1936 lebte und arbeitete Roeder dann vorwiegend in Florenz, zunächst als Stipendiatin der von Hans Purrmann geleiteten Villa Romana.
1937 wurde ihre Plastik „Die Schwangere“ beschlagnahmt und als „entartet“ geächtet. 1944 wurde Roeder dann von den Alliierten in einem Lager bei Salerno interniert. Nach Angaben der Deutschen Nationalbibliothek soll sie dort als Aufseherin im Frauen-Duschraum eingesetzt worden sein und diese Aufgabe für „künstlerische Aktstudien“ genutzt haben.
Nach dem Krieg kehrte Roeder schließlich 1949 nach Deutschland zurück und lebte in Mainz, wo sie 1971 starb. Auch ihr Leben war geprägt von Unterdrückung und Bedrohung. Wie bei so vielen Künstlerinnen und Künstlern dieser Generation hatten die Jahre im Exil große Auswirkungen auf ihre Kunst.