In ihren Kunstwerken stellen „Slavs and Tatars“ Fragen nach Macht, Sprache und Spiritualität und knüpfen neue, interkulturelle Verbindungen. Die Ausstellung zeigt einige ganz neue Skulpturen und Rauminstallationen des internationalen Künstlerkollektivs aus Berlin.
Ein Klangband für geschärfte Sinne
Das Künstlerkollektiv „Slavs and Tatars“ hat den Istanbuler Künstler Cevdet Erek eingeladen, als Prolog zu ihrer Ausstellung einen Klangraum zu kreieren.

An allen vier Seiten des großen Tageslichtsaals hat er kleine Lautsprecher platziert, die rhythmische Fragmente in den Raum senden. Wer sich auf das Klangbad einlässt, kann mit geschärften Sinnen den Ausstellungsrundgang beginnen.
Mythischer Vogel Simurgh
Vor einer der Türen ist ein großer Wandteppich in Form eines alten orientalischen Tors gehängt. Tritt man über die Schwelle betritt man das Reich des vogelartigen Fabelwesens Simurgh.

Auf einem Podest reckt sich eine große, blaue Kralle aus Glas in die Luft. Sie wirkt zerbrechlich und doch gefährlich mit ihren langen, spitzen Nägeln.
Überall in der Ausstellung tauchen Spuren des mythischen Vogels „Simurgh“ auf, mal erscheint er schwarz und bedrohlich auf einem großen Teppich, mal bunt und fröhlich als kleinteiliges Muster auf einer rosa Tapete.
Östlicher Gegenspieler des Adlers
Und immer wieder fungiert er als östlicher Gegenspieler des westlichen Adlers, erklärt Payam Sharifi vom Künstlerkollektiv „Slavs and Tatars“:
„Wenn der Adler für Nationalismus zum Beispiel auf Fahnen oder Wappen steht, für Macht und Männlichkeit, dann steht der Simurgh für ganz Anderes. Er ist nicht von dieser Welt, er ist gender fluid. Und er bringt eine andere Sichtweise auf Fragen nach Macht, Identität und unser Dasein.“

Die Ausstellung als Statement
In der alten persischen Parabel „Die Konferenz der Vögel“ wird erzählt, wie die Vögel der Welt nach einem König suchen und sich auf den Weg zum Simurgh machen, erklärt Co-Kurator Misal Adnan Yildiz:
„Dreißig Vögel bleiben nach der beschwerlichen Reise übrig, Und als sie endlich ankommen, erkennen sie, dass sie alle gemeinsam der gesuchte Anführer sind - dass ihre Kraft in der Gemeinschaft liegt. Das ist doch eine wunderbare Metapher für unsere Demokratie.“
Misal Adnan Yildiz möchte diese Ausstellung deswegen auch als Statement verstanden wissen – gerade in unserer derzeitigen politischen Situation.
Museen als offene Diskursräume
Über die Figur des Simurgh beziehungsweise des Adlers, zieht das Künstlerkollektiv „Slavs and Tatars“ eine Verbindungslinie zu dem belgischen Konzeptkünstler Marcel Broodthaers.
Er hat Ende der 1960er Jahre ein fiktives „Musée d’art Moderne“ gegründet, in dem es eine eigene „Abteilung der Adler“ gab. Auch Broodthaers hat sich mit Fragen der Macht und der Rolle der Kunst auseinandergesetzt und sich für Museen als offene Diskursräume ausgesprochen.
Herausfordernd, aber nachwirkend
Die Kunsthalle Baden-Baden ist ein solcher Ort. Und hat in den letzten Jahren unter dem Direktorenduo Cagla Ilk und Misal Adnan Yildiz immer wieder künstlerische Positionen der Gegenwart gezeigt, die hierzulande selten zu sehen sind.
Zudem wurden neue Formen der Zusammenarbeit zwischen den künstlerischen und den kuratorischen Teams erprobt. „Slavs and Tatars“ zeigen in der Ausstellung in Baden-Baden ganz neue und ältere Arbeiten.
Die Ausstellungen unter der Direktion von Cagla Ilk und Misal Adnan Yildiz waren immer herausfordernd. Aber sie haben wichtige, aktuelle Fragen aufgegriffen und nach jedem Besuch lange nachgewirkt – genau das wird künftig fehlen!
Mehr Ausstellungen:
Ausstellung Jenseits digitaler Bilderflut: „Stille Weiten“ von Fotograf Axel Hütte im Arp Museum
Das Arp Museum Rolandseck zeigt 30 Bilder des renommierten Fotografen Axel Hütte, der sich viel Zeit nimmt, bis er auf den Auslöser drückt.
Foto-Ausstellung in Pforzheim „Cosmic Culture“ – Der Bonner Fotograf Dieter Seitz erforscht Spuren der Kosmonautik im Alltag der Ex-UdSSR
Der Bonner Fotograf Dieter Seitz erforscht die Spuren der Kosmonautik im Alltag der Ex-UdSSR. Eine Ausstellung im Pforzheimer Kulturhaus Osterfeld zeigt, dass der Stolz auf die Pioniertaten im Weltall bis heute lebendig ist, nach dem Motto: Raumfahrer aller Länder, vereinigt euch!