Kammerspiel für starke Nerven

Tatort „Verblendung“ über eine Geiselnahme in Stuttgarter Kino

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Von Autor/in Karsten Umlauf

Rechte Terroristen kapern eine Filmvorführung. Unter den Geiseln ist Kommisar Bootz. Kollege Lannert muss verhindern, dass Menschen sterben. Ein hochspannender Tatort auf der Höhe der Zeit.

Sekttermin wird zur Geiselnahme

„Wer wir sind“, das ist nicht nur ein beliebter Buch- und Serientitel – unter dem Titel wird im neuen Stuttgarter Tatort auch ein Dokumentarfilm angekündigt zu Geschichte und Rechtsstaat in Baden-Württemberg. Die Filmpremiere in Stuttgart ist eigentlich ein offizieller Sekt- und Smalltalktermin, zu dem Kommissar Sebastian Bootz keine große Lust hat.

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Sebastian Bootz (Felix Klare) ist unter den Gästen einer Stuttgarter Filmpremiere, als die Leinwand plötzlich schwarz wird und ein Mann und eine Frau das Publikum mit Waffengewalt bedrohen. Bild in Detailansicht öffnen
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Rechtsterrorismus aus dem Verschwörungs- und Verschwurbelungsreich

Schon nach wenigen Momenten wird klar: es wird sich erst ganz am Ende entscheiden, ob Kommissar Bootz wieder aus dem Kino rauskommt, denn die Filmvorführung wird von Rechtsterroristen gekapert. Die zwei Geiselnehmer rechnen sich dem „nationalen Widerstand“ zu.  Ihre Forderungen stammen direkt aus dem Verschwörungs- und Verschwurbelungsreich rechter Narrative.

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Bootz gelingt es, unbemerkt Thorsten Lannert zu verständigen. Er gehört der zu den ersten, die in der Einsatzzentrale die Arbeit aufnehmen.

Bootz als Geisel, Lannert als Verhandlungsführer

Kommissar Bootz ist als Geisel im Kino, Kollege Lannert, der sich als Verhandler angeboten hat, muss nun den Todesfall eines rechten Umstürzlers im Gefängnis überprüfen und gleichzeitig verhindern, dass Geiseln sterben.

Darunter sind eine Journalistin, ein Politiker, der Polizeipräsident. Für die Terroristen sind es Repräsentanten des Systems, die sie „zur Rechenschaft ziehen“ wollen. Perfiderweise sollen aber die anderen Geiseln abstimmen.

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Vieles in diesem Fall hängt von der Zusammenarbeit der beiden Kommissare ab. Sie müssen sich jetzt auf Entfernung beweisen.

Wie unter einem gesellschaftlichen Brennglas

Die Gruppe, die da auf einer kleinen Bühne zusammengetrieben wurde, wirkt fast wie ein Theaterensemble: ein Kern der deutschen Gesellschaft, der gezwungen ist, sich mit Prinzipien, Moral und Menschlichkeit auseinanderzusetzen. Und der dabei allzu schnell versagt, was vielleicht zu den wenigen Vereinfachungen dieses Tatorts gehört.

Nervöser Soundtrack schafft Kammerspielatmosphäre

Mit einem nervösen Soundtrack und dosiert eingesetzten Splitscreens verdichtet Regisseur Rudi Gaul den Film zu einem spannungsvollen und teilweise sehr harten Kammerspiel. Dabei geht vor allem Anna Schimrigk als Geiselnehmerin unter die Haut.

Stuttgarter Demokratiegeschichte wird geschickt mit einbezogen. Denn um das Gefängnis Stammheim gab es schon Ende der 1970er Jahre Geiseldramen und Gerüchte über angebliche Staatsmorde an den RAF Mitgliedern Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Gesellschaftliche Verunsicherung und Hysterie liegen eng beieinander, scheinbar unabhängig vom politischen Lager.

„Verblendung“ nimmt rechte Verschwörungstheorien gekonnt auseinander

Für die Frage „Wer wir sind“ sind die Momente des Zweifelns entscheidend, dann aber auch das Streiten, Argumentieren auf der Basis von Fakten und Recherche. Wo es nur um Glauben und Ideologie geht, ist die Verblendung nicht weit.

Das ist die Essenz dieses besonderen Tatorts, der rechte Verschwörungserzählungen akribisch auseinander nimmt. Und sich damit kurz vor der Bundestagswahl auf der Höhe der Zeit bewegt.

Tatort „Verblendung“, 19.1. 20:15 Uhr im Ersten und in der ARD Mediathek

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