Die menschliche Stimme ist Instrument des Jahres 2025. Ein guter Anlass, um sich mal mit den verschiedenen Stimmlagen und Stimmfächern zu beschäftigen. Denn Stimme ist ganz sicher nicht gleich Stimme – schon gar nicht in der Welt der Oper. Jan Ritterstaedt stellt die Stimmlage Tenor und ihre verschiedenen Spielarten vor.
Gesunde Lunge empfohlen!
In den meisten Chören sind sie Mangelware: die Tenöre. Dabei ist der Tenor eigentlich die tragende Säule der gesamten europäischen Mehrstimmigkeit. Allerdings ist der Tenor im Mittelalter keine festgelegte Stimmlage, sondern eine Lagenstimme. Das heißt er definiert sich über seine Funktion im mehrstimmigen Satz. Und da ist er die unangefochtene Hauptstimme, um die sich alles andere rankt.
Das Wort „Tenor“ kommt aus dem Lateinischen: „tenere“ bedeutet so viel wie „halten“. Der Tenor ist also eine Stimme mit relativ lang gehaltenen Noten. Sie singt die Hauptmelodie eines mehrstimmigen Satzes, den so genannten Cantus firmus. Damit bestimmt der Tenor auch den Modus, in dem gesungen wird. Heute könnte man das mit einer Tonart vergleichen. Das gilt nicht nur für die geistliche, sondern auch die weltliche Musik.
Die stimmliche Konkurrenz macht sich breit
Ernstzunehmende Konkurrenz für den Tenors kommt im 17. Jahrhundert aus Italien. In der frühen Oper werden Oberstimme und Bass zu den wichtigsten Stimmen. Der Tenor wird jetzt nur noch als hohe männliche Stimmlage verstanden. Meist verkörpert er jugendliche Figuren oder auch mal der einen oder anderen Gott. Immerhin in den geistlichen Passionsmusiken darf ein Tenor nach wie vor die zentrale Partie des Evangelisten singen.
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Im 18. Jahrhundert sind Kastraten die Stars der Oper mit ihren Stimmen in Sopran- oder Altlage. Wichtige Tenorrollen sind damals eher die Ausnahme. Das gilt allerdings nur für die dominante italienische Oper. In Frankreich geht man in dieser Zeit ganz eigene Wege. Dort übernehmen so genannte Haute-Contre-Stimmen die wichtigen Partien. Darunter versteht man eine besonders hoch gelegene Männerstimme, fast schon auf der Schwelle zum Countertenor.
Heldenhafte Stimme
Die Moden ändern sich im 19. Jahrhundert: Haute-Contre und Kastraten machen den Abgang. Dafür nutzen Tenöre die Gunst der Stunde: als hohe Männerstimmen konkurrieren sie jetzt direkt mit dem weiblichen Sopran. Dazu werden die Orchester immer größer. Damit steigen die stimmlichen Anforderungen an die Sänger. So sehr, dass Gioachino Rossini bei der Premiere seiner Oper „Guglielmo Tell“ Schwierigkeiten mit der Besetzung der Figur des Arnold gehabt hat. So hoch ging es damals nur selten hinauf.
Rossinis Arnold gehört in das Stimmfach „lyrischer Tenor“. Das Gegenstück dazu ist der so genannten „Heldentenor“. Mit der romantischen Oper bilden sich auch die heute noch geläufigen Stimmfächer heraus. Der Heldentenor hat seinen großen Auftritt etwa in den Musikdramen Richard Wagners: als Tannhäuser, Tristan, Lohengrin und als junger Held Siegfried im „Ring des Nibelungen“.
Die Spezies der Star-Tenöre
Die berühmtesten Opernsänger des 19., des 20. und auch des 21. Jahrhunderts sind in der Regel Tenöre. Sie treten oft alleine in den Repertoire-Opern auf oder bilden schon mal ganze Rudel wie „Die drei Tenöre“ oder sogar „Die zwölf Tenöre“. Einer der berühmtesten dieser Spezies ist sicher der Italiener Enrico Caruso gewesen. Er hat seine größten Erfolge vor allem im lyrischen Fach gefeiert.
Während der Tenor heute als stimmlicher Glanzpunkt der gesamten romantischen und postromantischen Oper gilt, macht er sich in Chören vergleichsweise rar. Vielleicht hat das wieder mit dem Unterschied zwischen Lagen-Stimme und Stimmlage zu tun.
Während die Tenorlage einfach wunderschön klingen kann, hat der Tenor im Chor meist eher undankbare Aufgaben: als Mittelstimme zusammen mit dem Alt eingeklemmt zwischen dem exponierten Sopran und dem donnernden Bass.
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