Kurz-Essay

Musik und der Holocaust: Böse Menschen haben keine Lieder?

Stand
Autor/in
Albrecht Selge
Albrecht Selge

Dass in Konzentrationslagern die Kraft der Musik auch dazu benutzt wurde, um Häftlinge zu demütigen, ist eine Tatsache, die ihren Schrecken nie verlieren wird. Das alte Sprichwort, demnach „böse Menschen keine Lieder haben“, wurde spätestens in Auschwitz ad absurdum geführt.

Musik kann uns trösten, sie kann uns stärken. Aber Musik macht uns nicht zu besseren Menschen. Allen Sonntagsreden zum Trotz. Das ist eine der bitteren Neben-Erkenntnisse des schrecklichen 20. Jahrhunderts.

Kann man das überhaupt aushalten? Dass es SS-Männer gab, die – zumindest äußerlich – gebildet und kultiviert waren und zum Beispiel Musik von Schubert oder Bach schätzten? Allein die Vorstellung ist für mich geradezu unerträglich. So, als verletze es die Musik selbst.

Das Böse scheint alles beschmutzt zu haben

Das Gleiche gilt, wenn es ein harmloses Kinderlied betrifft, wie „Alle Vöglein sind schon da“, das neu eintreffende Gefangene im KZ Sachsenhausen singen mussten. Das Böse scheint alles beschmutzt zu haben. 

Es ist sogar belegt, dass Häftlinge vor ihren Peinigern musizieren mussten, damit diese abschalten, sich entspannen und erholen konnten. Die Opfer hatten die Täter zu unterhalten und seelisch zu kräftigen, damit diese ihr verbrecherisches Tun in neuer Frische fortsetzen konnten! 

Zeichnung eines Gefangenen des Konzentrationslagers Auschwitz, die das Gefangenenorchester zeigt.
Das Gefangenenorchester von Auschwitz, gezeichnet von einem Gefangenen des Vernichtungslagers im Jahr 1945.

Musik dennoch auch Trost für Opfer

Dem gegenüber steht, wie Musik die Opfer von solchem Unrecht manchmal in ihrem Leid getröstet und gestärkt hat. So berichtet ein Häftling aus Sachsenhausen über anderes gemeinsames Singen, das – im Rahmen des dort Möglichen – selbstbestimmt war:

„Es ist unglaublich, welche Kraft in unserem Gesang lag, wie er half, die Beziehungen in den unmenschlichen Verhältnissen und in der unmenschlichen Zeit menschlicher zu gestalten. Unsere Lieder wirkten wie Balsam auf unseren verwundeten Seelen.“

Kraft der Musik tröstet auch die, die Böses tun

Doch wie soll man akzeptieren, ohne dass einem der Kopf zerspringt, dass vielleicht manchmal Opfer und Täter aus der gleichen Musik Kraft schöpften? Die einen, um ihr unmenschliches Leid irgendwie zu ertragen – die anderen, um sich selbst in ihrem unmenschlichen Tun Kultiviertheit vorzugaukeln? Und mehr als das: um sich emotional aufzurichten, während sie gleichzeitig anderen Menschen das Schrecklichste antaten? 

Es gehört zur Perversität der Welt, dass die Kraft der Musik auch Menschen, die Böses tun, trösten und stärken kann – selbst darin, weiter böse Dinge zu tun. Der Mensch ist entsetzlich flexibel. Die Einrichtung der Welt ist gebrechlich, wie es bei Kleist heißt. Zu ihr gehört wohl die Tatsache, dass die Musik selbst moralisch weder gut noch böse ist. Sie ist, was wir aus ihr machen.

Ganz vergessen können wir daher diesen alten Vers: „Böse Menschen haben keine Lieder“, wie der brave Peter Alexander sang, nach einem Vers, der eigentlich von Johann Gottfried Seume stammt. Die bedrückende Wahrheit ist: Böse Menschen haben Lieder. 

Musik sollte Opfern mehr gehören als Tätern

Und doch dürfen, sollten, vielleicht müssen wir Partei ergreifen. Ich zumindest möchte finden, dass Musik nicht allen gleichermaßen gehört. Bei aller Ratlosigkeit: Ein Lied von Schubert, ein Präludium von Bach soll den Menschen gehören, die Leid erfahren, mehr als denen, die anderen Leid antun. Ist das zu viel verlangt? 

Und wenn wir selbst heutzutage in unserem Alltag, in viel kleineren Dimensionen, oft beides zugleich sind: Leidtragende und Leidzufügende – dann, finde ich, gehört Bach oder Mozart oder Schubert, dem Leidenden in uns, nicht dem Leidzufügenden, der wir auch sind. Es sei denn, der Leidzufügende in uns gewinnt dadurch doch Klarheit über sich selbst; er erkennt.

Orchester spielt unter einem großen Porträt Adolf Hitlers
Klassische Musik wurde von den Nationalsozialisten instrumentalisiert, um die vermeintliche Überlegenheit des „deutschen Volkes“ zu propagieren.

Was kann Musik?

Dann könnte die Musik uns vielleicht doch zu einem besseren Menschen machen? Und sei es nur für einen Augenblick der Erkenntnis? Für einen Moment, der ein Keim zum Besseren sein könnte?

Vielleicht sind das Illusionen. Wunschdenken aus Hilflosigkeit. Vielleicht nur ein letztes, vergebliches Aufflackern der absurden Hoffnung, die Musik möge uns zu besseren Menschen machen? Kann sein. Ich weiß es nicht. 

Musik mitten im Ukraine-Krieg

Jedenfalls ist die Frage, leider, immer noch aktuell. Auch im heutigen Russland gibt es beispielsweise erstrangige Musiker, die herrlich Klavier spielen.

Ich erinnere mich jedoch an ein Video, das kurz nach Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine entstand. Da sitzt eine junge Frau aus Kiew in einem zerstörten Haus an einem Flügel, der wie durch ein Wunder halbwegs unversehrt blieb. Und sie spielt Chopins As-Dur-Etüde aus Opus 25.

Chopin Etude Opus 25 Nr 1. Ukraine 2022.

Ich finde, diese Musik gehört ihr, mehr als jedem anderen Menschen der Welt. Ja, es ist wahr, ich möchte das finden. Denn damit tröstete und stärkte sie sich selbst, und sie tröstet und stärkt andere Menschen, auch solche, die viel weniger erleiden müssen, über weite Entfernungen hinweg. 

Bis ans Ende meines Lebens werde ich, wenn ich die As-Dur-Etüde höre, an diese ukrainische Klavierspielerin denken. Die Kraft dieses „Balsams“ wird nicht geringer dadurch, dass auch Menschen, die Schlechtes tun, diese Musik schätzen. Musik bessert nicht, sie hilft zu leben. Den Guten und den Bösen und all denen irgendwo dazwischen.

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