Den Marmor von Carrara findet man auf der ganzen Welt
Die Kathedrale in Florenz, das Opernhaus von Oslo, der Kōsan-ji-Tempel in Japan, das Peace Monument in Washington oder der Zebrastreifen in Sindelfingen. Architekturen, die beeindrucken wollen. Und sie haben eines gemeinsam: Überall hat man ihn verbaut – den Marmor von Carrara.
In der italienischen Stadt Carrara ist man daher stolz auf das Gestein. Abbau und Verarbeitung haben eine lange Tradition hier, im Nordwesten der Toskana. Auch die Verwendung geht weit zurück. Schon im antiken Rom erfreute sich das weiße Gold großer Beliebtheit. Als Bestandteil der Trajans- oder der Marc-Aurel-Säule kann man den Marmor heute noch in Rom bestaunen.
Michelangelo machte den Marmor in der Kunst berühmt
Florenz, Anfang des 16. Jahrhunderts. Eine neue Skulptur für die Kathedrale von Florenz soll gemeißelt werden. Bereits zwei Bildhauer waren zuvor an einem über 5 Meter großen Marmorblock aus Carrara gescheitert. Zu schwierig sei die Arbeit an dem Gestein. Der junge Michelangelo Buonarroti darf sich als Dritter versuchen. In den Jahren 1501 bis 1504 formt er aus dem Block die Statue des David. Es folgen die römische Pietà und die Statue des Moses. Die Bedeutung des Marmors von Carrara ist für die Bildhauerei von nun an ungemessen.
So fand seit 1957 in Carrara die Biennale Internazionale di Scultura di Carrara – die Skulptur-Biennale von Carrara – statt. Pablo Picasso, Joan Miró, Antony Gormley: Sie alle wirkten hier mit. Lang ist die letzte Biennale jedoch mittlerweile her. Zuletzt wurde sie im Jahr 2010 abgehalten.
Umweltschutzverbände sehen Abbau des Marmors heute kritisch
In den Steinbrüchen in Carrara läuft die Arbeit aber weiter. Carrara ist eine Stadt mit 60.000 Einwohnern im Nordwesten der Toskana und für ihren strahlend weißen Marmor bekannt. Jahrhundertelang bescherten dessen Abbau und Verarbeitung der Region Wohlstand. Trotz zunehmender globaler Konkurrenz ist die Marmorindustrie noch heute der wichtigste Wirtschaftszweig in Carrara.
Doch nur ein verschwindend geringer Anteil des abgetragenen Gesteins findet seinen Weg in Ateliers und Ausstellungen. Statt für die Kunst wird er heute für die Produktion von Kunststoff verwendet. Fein gemahlen ist er sogar in Zahnpasta vorhanden.
Aufgrund des staubigen Abbaus soll der Marmor mittlerweile auch in die Flüsse rund um Carrara gelangen. Milchweiß seien diese an manchen Tagen. Das bemängeln Umweltschutzverbände. Und seit 2017 versucht eine neue Stadtregierung, die Zerstörung der Apuanischen Alpen durch den Marmorabbau einzuschränken. Ein Balanceakt zwischen Umweltschutz und wirtschaftlichen Zwängen.
Der Marmor aus Carrara ist heute zum Streitthema geworden – die Faszination seiner Schönheit ist ungebrochen.
SWR 2022