Als sich der Schlüssel im Schloss drehte und sich die Wohnungstür öffnete, war sie plötzlich für Familie Adamou zu spüren: Zuversicht. Lange Zeit hatte die vierköpfige Familie aus Zypern vergebens nach einer Unterkunft in der Nähe von Tübingen gesucht. Bei der Herberge "Dach der Liebe" sind sie fündig geworden. Die Herberge wird vom griechisch-orthodoxen Gemeindezentrum in Reutlingen betreut.
Die beiden Kinder, Alexandros (3) und Aria (5), haben Thalassämie, eine Erkrankung der roten Blutkörperchen. Sie müssen für die Knochenmarktransplantation in der Tübinger Onkologie behandelt werden - eines der weltweit führenden Zentren in diesem Bereich.
Zuflucht finden in der Reutlinger Herberge "Dach der Liebe"
"Als Eltern machst du dir natürlich enorme Sorgen", erzählt Andreas Adamou, der Vater von Alexandros und Aria. Man komme in ein fremdes Land, und wisse nicht, was auf einen zukommt. Dazu kommen noch die Sorgen, die man sich als Familie wegen der Therapie macht, sagt er.
In dem Moment, in dem wir auf diese Menschen gestoßen sind, hat es sich angefühlt wie eine warme Umarmung.

Als Pater Dimitrios die griechische Gemeinde in Reutlingen im Jahr 2013 übernommen hatte, haben ihn bereits zu Beginn regelmäßig Hilfegesuche von Personen erreicht. Sie mussten für wichtige medizinische Untersuchungen aus dem Ausland in die Region kommen. Beim Ausbau der Gemeinde wollte er für diese Menschen ein Hilfsangebot schaffen.
"Als wir die Kirche erweitert haben, war es uns nicht nur ein Ziel, einen Ort zum Treffen und zum Feiern zu bauen, sondern auch einen Ort der Liebe und der christlichen Solidarität." 2018 wurde die Herberge fertiggestellt und hat mittlerweile über 40 Familien aus ganz Europa aufgenommen.
Familien bekommen Gesamtpaket in Gemeinde
Die Unterkunft besteht aus zwei voll ausgestatteten Wohnungen. "Die Menschen sollen sich wie zuhause fühlen", so Dimitrios Katsanos. In der Regel bleiben Familien etwa drei Monate. Gerade bei kleinen Kindern kann so die ganze Familie anreisen und trotz der Umstände so etwas wie einen Alltag als Familie leben. Unterstützung erhalten sie auch von weiteren ehrenamtlichen Helfern: Dolmetscher, Begleitung zu Behörden, Fahrten oder Einkäufe werden allesamt gestellt.
Für Pater Dimitrios zeigt sich genau in diesem kollektiven ehrenamtlichen Akt sein Verständnis von Liebe: Liebe bedeute nicht, dass alle Menschen perfekt seien. "Liebe bedeutet, dass wir versuchen, uns zu verbessern und dabei näher an Gott und unsere Mitmenschen rücken. Denn dann können wir diese Liebe nicht mit Worten, sondern mit Werken realisieren", sagt der griechisch-orthodoxe Priester.

Kostenlose Unterkunft als Zeichen der Nächstenliebe
Um den Bau der Wohnungen zu ermöglichen, musste die Gemeinde einen hohen Kredit aufnehmen. Doch obwohl die Gemeinde jeden Monat 6.500 Euro Darlehen zurückzahlen muss, bietet sie die Wohnungen kostenlos an. "Für eine solche Wohnung hätten wir in Reutlingen mehr als 3.000 Euro Kaltmiete verlangen können", sagt Pater Dimitrios. Damit könnte die Gemeinde einen großen Teil des Darlehens zurückzahlen. Trotzdem verlangen sie keine Miete. "Als mindesten Ausdruck christlicher Nächstenliebe." Stattdessen setzt das Projekt auf die finanzielle Unterstützung von Spenden.
Die "orthodoxe Welt" - neben Caritas und Diakonie
Kriterien wer kommen darf, gibt es nicht. Die Herberge ist offen für alle Menschen, die Hilfe brauchen. Gästehäuser für Familien mit Erkrankungen existieren bereits. Allerdings sei das "Dach der Liebe" einmalig innerhalb der orthodoxen Welt. Durch die Nähe zur Gemeinde ermögliche die Herberge auch eine soziale Anbindung an andere Orthodoxe.
"Wir sagen orthodoxe Welt, weil die katholische und evangelische Kirche sehr gut organisiert sind", sagt Pater Dimitrios. Die hätten ihre eigenen Initiativen, etwa die Caritas oder die Diakonie. "Deswegen wollen wir vor allem den orthodoxen Gemeinden Hilfe anbieten. Aber wir sind offen für alle Menschen."

Tübinger Ärztlicher Direktor: Wohnprojekt mindert "Sorgen"
Ein besonders wichtiger Bezugspunkt für das "Dach der Liebe" und die beiden Geschwister Alexandros und Aria ist der pädiatrische Onkologe Johannes Schulte. Er ist ärztlicher Direktor der Abteilung für Kinderheilkunde im Uniklinikum Tübingen. Schulte hat bereits viele Kinder aus dem Wohnprojekt betreut und spürt die Hilfe der Herberge.
Ich muss mir keine Sorgen um meine Patienten machen, die aus dem Ausland anreisen. Ich weiß, dass sie gut untergebracht sind.
Die Familien hätten zusätzlichen Rückhalt in der Gemeinde, der weit über das reine Wohnen hinausgehe. Sie könnten dadurch viel besser durch die schwere Behandlung gehen, so Schulte. "Das nimmt mir sehr viel Sorge", sagte er dem SWR.
Wie es weitergeht - für Alexandros und Aria und das "Dach der Liebe"
Auch Alexandros und Aria hat der Aufenthalt in der Herberge sehr geholfen. "Das Klima ist wirklich beeindruckend und einmalig. Wir haben uns sofort wie in einer Familie aufgehoben gefühlt", so Vater Andreas Adamou. Das habe der Familie beim Ankommen sehr geholfen - vor allem psychisch. "Diesen Rückhalt braucht man, wenn man eine so lange Therapie startet", ergänzt der Vater der Kinder.
Mittlerweile sind Alexandros und Aria ausgezogen. Ihre Knochenmarktransplantationen sind gut verlaufen. Nach über vier Monaten im Dach der Liebe sind sie nach Tübingen gezogen, damit sie für die Nachfolgeuntersuchungen direkt an der Klinik sein können.
Aktuell steht die Wohnung wieder leer, die Tür ist verschlossen. Aber nicht mehr lange, denn bald dreht sich der Schlüssel im Schloss wieder. Eine neue Familie ist bereits unterwegs - mit dem Ziel Reutlingen.