In der Heimat droht ihnen der Tod

Gefangen im Nirgendwo - gefährdete Afghaninnen warten auf ihre Einreise nach Deutschland

Stand

Von Autor/in Daniela Diehl, Sophie Rebmann

36.000 gefährdete afghanische Menschen sollten in Deutschland Schutz finden. Bisher durften aber nur rund 1.170 kommen. Die übrigen haben Angst um ihr Leben. 

"Es fühlt sich so an, als würde ein Teil meines Körpers fehlen, als wäre er in Gefahr. Manchmal werde ich nachts wach und denke an meine Schwestern." Das erzählt der 35-jährige Ali, so nennen wir ihn, um seine Familie zu schützen, und zeigt uns Fotos auf seinem Handy. Fotos seiner vier erwachsenen Schwestern, die wie er nach Deutschland wollen. Eigentlich sollten sie schon lange hier bei ihm in Baden-Württemberg sein, in Sicherheit. Eine Aufnahmezusage haben die Afghaninnen bereits vor einem Jahr erhalten. Aber seit Juni warten sie nun darauf, dass ihnen die deutsche Botschaft ein Visum ausstellt.

Ali schaut sich auf seinem Smartphone ein Familienfoto an.
Auf seinem Smartphone schaut sich Ali Fotos seiner Familie an. Der Afghane hat vier erwachsene Schwestern, die auf die Einreise nach Deutschland warten.

Mordanschlag nur knapp überlebt

In Afghanistan drohe den Frauen Lebensgefahr. Die älteste, wir nennen sie Zahra, hatte sich in Zusammenarbeit mit ausländischen NGOs (Nichtregierungsorganisationen) für Frauenrechte eingesetzt. Als die zweitälteste Schwester, eine Medizinstudentin, sich dann weigerte, einen Taliban zu heiraten, seien beide Frauen absichtlich angefahren worden. Ein Mordanschlag, den sie nur schwerverletzt überlebt haben. Ihr Bruder zeigt uns Fotos der beiden mit Gipsverbänden und Kopfwunden. Afghanistan sei für Frauen wie ein Gefängnis, sagt Ali.

Sie haben keine Möglichkeiten, dürfen nicht allein nach draußen oder in den Park gehen. Die Taliban haben immer wieder gedroht, meine Schwestern zu ermorden.

Ein Foto von Alis Schwestern zeigt ihre schweren Verletzungen.
Den Mordanschlag auf Alis Schwestern in Afghanistan haben die beiden nur knapp überlebt.

Bundesregierung versprach 1.000 Aufnahmen pro Monat

Deshalb haben Alis Schwestern ihr Zuhause verlassen, sind nach Pakistan gereist, wo sie auf ihr Visum für Deutschland warten. Sie mussten dorthin, denn in Afghanistan gibt es keine funktionierende deutsche Botschaft mehr. Sie erfüllen die Kriterien des Bundesaufnahmeprogramms Afghanistan, das im Oktober 2022 gestartet wurde, um besonders gefährdeten Menschen Schutz anzubieten. Damit sind Afghaninnen und Afghanen gemeint, die sich unter anderem durch ihren Einsatz für Frauen- und Menschenrechte oder durch ihre Tätigkeit in den Bereichen Bildung oder Wissenschaft besonders engagiert haben und deshalb gefährdet sind. So wie Zahra, die sich unter anderem als Sozialarbeiterinnen für die Erwerbstätigkeit und Emanzipation von Frauen eingesetzt hat.

Außerdem Personen, die aufgrund ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Religion besonders in Gefahr sind. Etwa 1.000 Menschen pro Monat, vor allem Frauen und Mädchen, sollten nach der Machtübernahme der Taliban auf drei Jahre verteilt nach Deutschland kommen. Zivilgesellschaftliche Meldestellen schlagen Personen vor, die Bundesregierung wählt aus. Es gibt eine Sicherheitsüberprüfung, dann erst wird ein Visum erteilt und die Einreise erlaubt. Doch in den vergangenen zwei Jahren und vier Monaten seit dem Start durften laut Bundesinnenministerium insgesamt nur rund 1.170 Menschen nach Deutschland einreisen, statt den versprochenen 1.000 pro Monat.

Bangen in Pakistan

Über 1.500 weitere Menschen haben eine feste Zusage der Bundesregierung erhalten - warten aber seit Monaten in Pakistan auf ein Visum. So wie Zahra und ihre Schwestern. Online hält Ali mit ihnen Kontakt. Er ist vor zwei Jahren mit Frau und Kindern als Wissenschaftler an die Uni Tübingen gekommen. Auch er ist zunächst nach Pakistan geflohen. "Als die Taliban an die Macht kamen, habe ich meinen Job als Wissenschaftler verloren, sie haben all meine Träume zerstört, gedroht mich zu töten." Er hat ein Stipendium in Deutschland erhalten, konnte so hierherkommen.  

Ali klappt den Computer auf, ruft an. Auf dem Bildschirm erscheint seine Schwester Zahra, sie sitzt sehr gerade auf einem Stuhl, trägt ein rosa Tuch, das lose auf ihren dunklen Haaren sitzt. Im Hintergrund sieht man auch die anderen Familienmitglieder. Es geht ihnen nicht gut.

Wir müssen uns vor der Polizei verstecken, sonst schiebt sie uns nach Afghanistan ab. Wir können nicht rausgehen, wir leben zu acht im Zimmer, das ist belastend. Es geht mir psychisch schlecht.

Keiner weiß, wie es weitergeht

Seit neun Monaten harren sie in Pakistan aus und warten auf ein Visum für Deutschland. Ihr Termin in der Botschaft für die Sicherheitsüberprüfung wurde Anfang des Monats wieder verschoben - ohne Angabe eines Alternativtermins. Ihr Visum für Pakistan müssen sie immer wieder verlängern. Dabei sei es fast nicht mehr möglich, ein gültiges Visum zu besitzen. Die Visaregelungen wurden verschärft, seitdem gelten Visa nur noch 45 Tage. So lange ist in der Regel aber auch die Bearbeitungszeit bei einem Verlängerungsantrag.

Außerdem koste jedes Visum etwa 100 Euro erklärt Andreas Linder vom Tübinger Verein move on. Eine der rund 70 zivilgesellschaftlichen Meldestellen, die bedrohte Afghanen für das Aufnahmeprogramm vorschlagen konnten. Sein Verein habe rund 100 Aufnahmeanträge eingebracht. Nur zwei Familien haben es bisher nach Deutschland geschafft. Zehn weitere warteten in Pakistan, so Linder.

Andreas Linder vom Tübinger Verein MoveOn
Andreas Linder vom Tübinger Verein move on beschäftigt sich intensiv mit der Einreise von Alis Schwestern. Der Verein ist eine von 70 zivilgesellschaftlichen Meldestellen, die bedrohte Afghanen für die Aufnahme vorschlagen können.

Die Zeit wird knapp

Darunter auch Alis Familie, die Andreas Linder schon in Pakistan getroffen hat. "Zahra und ihre Schwestern bekommen dort Unterkunft und Verpflegung gezahlt", erklärt er. Gut sei die Unterbringung allerdings nicht. Und sie bekämen kein Geld und dürften nicht arbeiten. Die Situation sei ähnlich belastend wie in Afghanistan, ergänzt Ali. Auch hier fühlten sie sich wie Gefangene, hätten keine Rechte, könnten sich kein Leben aufbauen. Außerdem habe die pakistanische Regierung jetzt ein Dekret erlassen, dass alle Menschen, die gerade noch in Islamabad untergebracht seien, die Hauptstadt verlassen müssten.

Die Zeit für Zahra und ihre Schwester werde knapp, so Andreas Linder. "Unsere Sorge ist, dass sich die künftige Bundesregierung nicht an das hält, was die jetzige Bundesregierung noch zugesagt hat, nämlich dass alle Personen, die schon seit Monaten in Pakistan warten, auch wirklich in Deutschland aufgenommen werden."

Kein Visum bedeutet Lebensgefahr

Es fehle am politischen Willen, fügt er noch hinzu. Schon mit den Haushaltsverhandlungen der Ampelkoalition im Sommer sei es nicht mehr möglich gewesen, Anträge für Schutzbedürftige zu stellen. Obwohl von den rund 36.000 besonders gefährdeten Menschen, denen die Bundesregierung Schutz gewähren wollte, gerade mal drei Prozent aufgenommen wurden.

"Das sind noch sehr viele Menschen, die extrem in Gefahr waren in Afghanistan. Die müssten unbedingt geschützt werden. Die dürfen auf keinen Fall nach Afghanistan abgeschoben werden", so Linder. Eine Abschiebung wäre für Zahra lebensbedrohlich. Sie hat in Afghanistan alle Brücken abgebrochen. Dort wartet aus ihrer Sicht nur eine Sache: "Wenn ich nach Afghanistan zurückgehen muss, werde ich getötet" sagt sie.

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