SWR Kultur New Talent im Porträt

Viatores Quartet: Vier Reisende auf der Suche nach neuen Klängen

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Autor/in
Sebastian Kiefl
Sebastian Kiefl

„Viatores“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „Wanderer“ oder „Reisende“. Beim Viatores Quartet sicherlich eine Anspielung auf letzteres, denn das Streichquartett bildet sich aus vier Nationen. Diese Einflüsse sind jedoch nicht nur in der Musik hörbar sondern manifestieren sich auch im Alltag der Musikerinnen und Musiker.

Eine Reise war nicht nur nötig, um drei der vier Musizierenden nach Deutschland an die Musikhochschulen zu bringen, auch der Weg zum Streichquartett, wie es heute auf der Bühne steht, war eine kleine Reise.

Zunächst suchte der aus Hong Kong stammende Bratschist Gordon Lau eine Violinistin und einen Cellisten für seine Abschlussprüfung. Die britische Geigerin Louisa Staples und der Cellist Umut Saglam, geboren in der Türkei, erklärten sich für die Prüfung zum Zusammenspiel bereit.

Die vier Musiker und Musikerin des Viatores Quartet
Die Mitglieder des Viatores Quartet von links: Louisa Staples (Violine I), Umut Saglam (Violoncello), Johannes Brzoska (Violine II), Gordon Kwan Hon Lau (Viola)

Ein Fanboy wird zum Mitglied

Doch Laus Professorin – niemand geringeres als Tabea Zimmermann – erkannte schnell das Potential des kleinen Ensembles. Aus dem Trio wurde nach der Prüfung ein Quartett. Ein Musiker aus Peru gab die zweite Geige, konnte allerdings nicht lange in der Formation bleiben.

Hinzu stieß also im März 2024 Johannes Brzoska, ein Nachwuchsviolinist aus Deutschland. Er selbst bezeichnet sich als „Fanboy“ seiner Mitstreiter, er kannte sie bereits von Wettbewerben und ist großer Fan.

Viel Kommunikation und ein bisschen Streit gehören dazu

Die Entscheidung nach dem Studium direkt ein Streichquartett zu gründen ist eher unüblich. Das liegt vor allem am finanziellen Risiko, man ist auf Aufträge und CD-Verkäufe angewiesen. Doch statt halbe Sachen zu machen und zumindest zum Teil in Musikschulen zu unterrichten, konzentrieren sich alle Musikerinnen und Musiker auf das Spiel zu viert – abgesehen von einigen solistischen Auftritten.

Als neu geformtes Quartett bleibt zudem die Frage der Harmonie: Wie schafft man es, dass die Zusammenarbeit gut verläuft? Schließlich klingt auch die Musik dann am Besten, wenn alle auch menschlich harmonieren. Die Antwort des Quartetts: Viel Kommunikation und vor allem Akzeptanz sind gefordert. Wenn jemand einen schlechten Tag hat, werde das auch akzeptiert.

Ganz ohne Streit bleibt es dabei natürlich nie, doch auch hier die passende Einstellung: Ein Streit bietet die Chance, noch enger zusammenzuwachsen.

Viatores Quartet spielt Brittens Divertimento Nr. 3 Burlesque

Inspirationsquellen Gesang, Filmmusik und Computerspiele

Hong Kong, England, Türkei und Deutschland. Aus diesen Internationalitäten ergibt sich ein besonderer Klang. Doch nicht nur die Nationalitäten sind im Quartet sind vielfältig, auch die Interessen des Musiker spiegeln sich im Repertoire wieder.

Gordon Lau zum Beispiel hat nebst Bratsche auch Gesang studiert, das Erlernte lässt er in die Musik mit den Instrumenten einfließen. Extreme Niedergeschlagenheit oder extreme Freude können nämlich nicht nur mit der Stimme zum Klang kommen, sondern auch mit Streichinstrumenten.

Inspiration aus der Unterhaltungsbranche bringen Johannes Brzoska und Umut Saglam mit. Brzoska hat sich schon an Filmmusik probiert, Saglam hingegen ist Computerspiel-Fan. Moderne Klänge werden dem Quartett also nicht lang fremd bleiben.

SWR Kultur New Talent 2024 – 2027 Das Viatores Quartet ist SWR Kultur New Talent

Die Musiker des Viatores Quartet kommen aus Großbritannien, Deutschland, Hong Kong und der Türkei. Als SWR Kultur New Talent werden sie nun für drei Jahre durch den SWR gefördert.

Ein Kampf gegen das eigene Gehör

„Neue“ Klänge sind ohnehin ein Steckenpferd, das sich früh herauskristallisiert. Während das europäische Gehör vor allem an Halb- und Ganztöne gewöhnt sich, wagen sich die Musikerinnen und Musiker an Vierteltöne heran. Nicht ganz einfach für die Vier mit absolutem Gehör. Die Arbeit mit Vierteltönen sei immer ein Kampf gegen die eigenen Ohren und den eigenen Instinkt.

20 Minuten für vier Takte

Perfektion ist der Qualitätsstandard, der bei diesem Quartett gelten soll. Das schlägt sich auch in der Übezeit nieder. 20 Minuten Üben klingt erstmal nicht viel, doch diese 20 Minuten werden hin und wieder für vier Takte benötigt. Eine kurze Rechnung für ein Streichquartett von Beethoven oder Mozart zeigt, wie zeitintensiv das Proben ist.

Doch für die Stärkung zwischendrin zeigt sich mal wieder, warum Multi-Kulti so wunderbar sein kann: Gordon Lau kennt die Kriterien für das beste chinesische Restaurant in der Umgebung: nicht nur scharf und nicht zu fettig.

SWR Kultur New Talent 2024 – 2027 Das Viatores Quartet ist SWR Kultur New Talent

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SWR Kultur New Talents

Das Trio E.T.A, die Mezzosopranistin Valerie Eickhoff und der Cellist Lionel Martin sind SWR Kultur New Talents. In diesem Förderprogramm werden junge Talente mit Programmbeiträgen, Konzerten und CD-Produktionen gefördert.