Analyse vor der Bundestagswahl 2025

Übermacht der Ü50 - Macht Wählen für junge Leute überhaupt noch Sinn?

Stand

Von Autor/in Martin Heuser

Mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten bei der Bundestagswahl ist älter als 50. Manche sprechen von einer Gerontokratie, also einer Herrschaft der Alten. Stimmt das?

Leben wir in einer Gerontokratie?

Fakt ist: Zur kommenden Bundestagswahl am 23. Februar werden nach einer Schätzung des Landeswahlleiters in Rheinland-Pfalz knapp 59 Prozent der Wahlberechtigten über 50 Jahre alt sein. Dagegen sind nur etwa 14 Prozent unter 30. Die große Mehrheit der Wahlberechtigten zählt also zur Ü50-Gruppe.

Dominieren die Älteren das Wahlergebnis?

Ja. Zum einen, weil es mehr ältere Menschen gibt. Zum anderen aber auch, weil die Wahlbeteiligung der älteren Menschen besonders hoch ist. So gingen 75 Prozent der über 70-jährigen und 80 Prozent der 60- bis 69-jährigen Wahlberechtigten zur letzten Bundestagswahl. Dagegen haben nur 71 Prozent der 21- bis 24-Jährigen ihre Stimme abgegeben. 

Bestimmen die Älteren die Themen bei einer Wahl?

Diese Frage lässt sich nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten. Bei der Bundestagswahl 2021 war über alle Altersgruppen hinweg die Klimakrise eines der wichtigsten Themen. Geprägt wurde das in der öffentlichen Wahrnehmung zwar durch die Schülerbewegung "Fridays For Furture".

Doch auch die Mehrheit der Älteren sorgte sich ums Klima und war dafür auch bereit, auf Flugreisen zu verzichten (59 Prozent), wie eine Studie aus Hamburg zeigte. Das wollten aber nur 32 Prozent in der Altersklasse der 18- bis 39-Jährigen. Fazit: Auch Ältere wählten damals "zukunftsorientiert", wohl weil sie sich um die Zukunft ihrer Kinder und Enkel sorgten.

Inzwischen haben sich die Präferenzen geändert: Migration und Zuwanderung sowie Wirtschaft sind laut ARD-DeutschlandTrend die beiden derzeit wichtigsten Themen für die meisten Wählerinnen und Wähler. Auch bei den Jungwählern steht das Thema Zuwanderung auf Platz Eins, dann folgen auf Platz Zwei der Klimawandel und die Sorge vor zunehmendem Rechtsextremismus (Quelle: Jugendwahlstudie 2024; Institut für Generationenforschung, pdf).

Gibt es große Unterschiede im Wahlverhalten von Jungen und Älteren?

Eindeutig ja. Bei der Bundestagswahl 2021 in Rheinland-Pfalz votierten überdurchschnittlich viele Jungwähler für die Grünen (25 Prozent) und die FDP (19 Prozent). Bei den Erstwählern lagen beide Parteien mit jeweils 23 Prozent gleichauf. Dagegen dominierten bei den über 50-Jährigen die CDU und SPD.  

Analyse Wahlverhalten junge und ältere Wähler Bundestagswahl 2021
Analyse Wahlverhalten junge und ältere Wähler bei der Bundestagswahl 2021

Bei der Europawahl 2024 rückten die jungen Wähler dann deutlich nach rechts: Viele gaben der AfD ihre Stimme. Die Zahlen zeigen, dass junge Wählerinnen und Wähler mit ihrer Stimmabgabe durchaus einen Einfluss auf das Abschneiden von Parteien haben. Deshalb macht Wählen für die jüngere Generation durchaus Sinn, um auf die Frage in der Überschrift zurückzukommen.

Wahlverhalten von Jungwählern bei der Europawahl 2024
Analyse Wahlverhalten junge und ältere Wähler bei der Europawahl 2024

Warum fühlen sich viele Jungwähler nicht gehört?

Gerade junge Menschen fühlen sich von den traditionellen Parteien nicht ausreichend gehört. Woher kommt dieses Gefühl? Der Psychologe und Generationenforscher Rüdiger Maas, einer der Autoren der Jugendwahlstudie 2024, meint, dass junge Wähler aus dem linken Spektrum und der Klimabewegung von der Ampelregierung enttäuscht sind, weil diese zu wenige ihrer Ankündigungen umgesetzt hat.

CDU und AfD werden bei der Erstwählern im Vergleich zur letzten Bundestagswahl deutlich zulegen.

Ein weiterer Grund sei der massive Einfluss von Social Media auf die Wahlentscheidung von Jungwählern: "Etwa 52 Prozent der Befragten gaben uns an, ihre Hautpinformationsquelle über Politik sei aus Social Media. Hierbei wird ihnen ständig suggeriert, es könnte dir noch viel besser gehen, aber der Staat kümmert sich eben lieber um Ukraine, Migranten etc. Ihm bist Du quasi egal."

Maas rechnet deshalb damit, dass bei der Wahl im Februar viele Jungwähler keine der ehemaligen Ampel-Parteien wählen werden. "Ich vermute, dass die Kleinstparteien noch stärker zunehmen werden und verstärkt rechts-konservativer gewählt wird. Das heißt, CDU und AfD werden bei den Erstwählern im Vergleich zur letzten Bundestagswahl deutlich zulegen."

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Der "jüngste" Bundestag seit langem

Trifft die Prognose zu, würden also gerade Jungwähler für einen weiteren Erfolg der AfD sorgen - als Konsequenz aus dem gefühltem "Nicht-Gehört-Werden". Auch wenn die "Generation Z" - also die Jahrgänge 1995 bis 2010 - den "Babyboomern" (Jahrgänge 1957 - 1968) zahlenmäßig deutlich unterlegen ist, wird der neue Bundestag nach Ansicht von Wahlforschern mit Blick auf das Alter der Abgeordneten wohl der jüngste seit Jahrzehnten sein.

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Auch bei einigen Parteien stellen die 21- bis 30-Jährigen inzwischen ein knappes Fünftel der Mitglieder: Linke (19 Prozent), Grünen (17) und FDP (18). Deutlich niedriger liegt dieser Anteil bei CDU (5 Prozent), CSU (4) und SPD (8).

Ob junge Menschen und ihre Themen von der Politik wahrgenommen werden, hängt also nicht nur von der Altersstruktur der Gesellschaft, sondern auch vom eigenen Engagement der Jüngeren ab.

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  1. Kommentar von
    C.Krieger
    Verfasst am

    Liebes SWR Team, ich finde es hier höchst bedenklich, wie hier Stimmung gegen die sog. Ü-50 gemacht wird... Was kommt denn als nächstes? Fremdschämen an der Ladenkasse? Was ist eigentlich in unserer Gesellschaft passiert und was soll hier kurz vor der Wahl noch gesteuert werden, dass so ein Beitrag hier noch lanciert wird? Ich halte es da mit dem Kommentator "Ophomox", der hat es ganz deutlich beschrieben. Ansonsten hätte ich da noch eine viel gerechtere Idee: Die Wahlberechtigung künftig einfach mit als Beleg zur Zahlung der Einkommensteuererklärung verschicken, dann ist wenigstens gewährleistet, das nur die über die Geschicke des Landes bestimmen, die letztendlich auch die Zeche bezahlen müssen! Mich persönlich ärgert es so z.B. seit Jahren, dass Leute über meine hart verdienten Steuergelder bestimmen wollen, die ihrerseits aber kaum Steuern zahlen sollen. Wäre auch nicht ungerechte

  2. Kommentar von
    S. Grimbs
    Verfasst am

    Hallo, was für ein schlimmer Beitrag. So wir alten Wähler (ich werde am 21.02. 60) zu Hause bleiben, damit die GeNZ Generation, die sich über TikTok und Instagramm politisch informiert, die Geschicke Deutschlands in die richtigen , wahrscheinlich sehr linken Bahnen lent? Unfassbar, dass sich der ÖR , der größenteils von uns alten zwangsfinaziert wird, sich so einen Quark leistet.

  3. Kommentar von
    Ophomox
    Verfasst am

    Selbst wenn wir nicht so etwas wie ein Demographieproblem hätten, wären die unter 30 Jährigen in der Minderheit. Denn bis zum 29. Lebensjahr sind es gerade 12 Jahrgänge die Wählen dürfen. Wenn man einfach mal annimmt, dass man im Durchschnitt 67/68 Jahre alt wird (damit lässt sich am anschaulichsten rechnen), so können 50 Jahrgänge wählen. Die Mitte wäre also bei 42 (17+25). Also ganz normal!

  4. Kommentar von
    Kira_M
    Verfasst am

    Hm, ich finde in dem Beitrag schwierig, dass so viele unterschiedliche Bezugspunkte miteinander vermischt werden. Mal ist von Rheinland-Pfalz, mal von ganz Deutschland die Rede. Denken und informieren sich denn die jungen und die alten Menschen in Rheinland-Pfalz genauso wie im Rest der Republik über Politik? Die Ergebnisse der letzten Landtagswahlen zeigen doch, dass zum Beispiel die Menschen in den neuen und den alten Bundesländern zum Teil ganz unterschiedlich abstimmen. Wählen denn z. B. die Jüngeren in Rheinland-Pfalz genauso wie in Thüringen oder Sachsen?

  5. Kommentar von
    f.aldinger
    Verfasst am

    Die Jungen werden auch mal alt!

  6. Kommentar von
    Finescu
    Verfasst am

    Natürlich informieren sich, nicht nur die jungen, Menschen heutzutage eher Online als über die herkömmlichen Medien wie Zeitung (Papierform) oder dem ÖRR. Ganz einfach, das Angebot ist bedeutend größer, meist Journalistisch besser aufbereitet (Stichwort: Neutralität und ohne "Haltung). Die sogenannten alternativen Medien sind bezüglich Aktualität und Ausgewogenheit ganz vorne mit dabei, es ist irgendwie klar, dass in diesem Bericht hier ein sogenannter"Experte " zitiert wird der Gegenteiliges behaupten darf.

  7. Kommentar von
    Rheinhessen66
    Verfasst am

    Da die Parteien wissen, das ältere Menschen die größte Wählergruppe sind, werden sie schwerlich für eine Politik eintreten, die dieser Wählergruppe missfallen könnte. Also keine Änderungen des Rentensystems zu Gunsten junger Menschen, keine Reformen des Gesundheitswesens, keine zukunftsorientierte Ausrichtung der Gesellschaft in Bereichen wie Klimaschutz, Digitalisierung, Zuwanderung. Alles geht zu Lasten der nachfolgenden Generationen. Willkommen in der Gerontokratie !

  8. Kommentar von
    Chris_Gutjahr
    Verfasst am

    Guten Tag, vielen Dank für den interessanten Beitrag. Ich möchte Sie gerne fragen, woher die Daten zur Wahlbeteiligung der 60- bis 69-Jährigen und der 70-Jährigen und Älteren bei der letzten Bundestagswahl stammen. In den Veröffentlichungen des Landeswahlleiters werden Werte von 82 bzw. 78 Prozent angegeben: https://www.statistischebibliothek.de/mir/servlets/MCRFileNodeServlet/RPHeft_derivate_00007490/58_repraes-wahlstatistik-bw2021.pdf Welche Werte sind richtig? Vielen Dank

  9. Kommentar von
    Claudia
    Verfasst am

    Ich war bisher der Meinung, dass das Wahlrecht mit dem 80. Geburtstag enden soll. Wenn ich höre, dass sich junge Menschen bei TikTok & Co. politisch informieren, ändere ich meine Meinung.