Extreme Erschöpfung, Konzentrationsschwierigkeiten, Atemnot: Long Covid ist eine Krankheit mit vielen Symptomen. Am "Long Covid Awareness Day" am 15. März machen Betroffene auf ihre Krankheit aufmerksam. Wir sprechen darüber mit Astrid Weber, die als Ärztin im Corona-Kompetenz-Zentrum in Koblenz zahlreiche Betroffene betreut.
SWR Aktuell: Frau Doktor Weber, wie ist das gerade bei Ihnen in der Praxis? Gibt es weiterhin neue Long-Covid-Betroffene oder stagniert die Zahl inzwischen?
Astrid Weber: Es ist eher so, dass wir immer mehr Betroffene haben, die sich bei uns melden. Also von Stagnation kann leider überhaupt nicht die Rede sein. Im Moment sind vor allem sehr viele Kinder betroffen, die im letzten Herbst an einer akuten Covid-Infektion erkrankt waren. Durchaus nicht die erste Infektion, sondern die dritte oder vierte.

SWR Aktuell: Wie viele Betroffene betreuen Sie insgesamt bei Ihnen in der Praxis?
Weber: Wir haben jetzt zirka 1.200 Patienten gesehen. Darunter sind neue Patienten, aber mittlerweile steigt auch die Zahl der Dauerbetreuung kontinuierlich an. Da muss ich natürlich schon auch schauen, wie ich das weiter regele, weil wir irgendwann an die Kapazitätsgrenze kommen. Wir haben ungefähr 350 Patienten im Quartal, die wir dauerhaft betreuen.
SWR Aktuell: Im Moment haben Sie 24 Monate Wartezeit für den ersten Termin.
Weber: Ja, leider. Die Tendenz ist leider weiter steigend. Das wirft natürlich irgendwann die Frage auf, was wir mit der Wartezeit machen. Sie ist leider nicht fallend.
SWR Aktuell: Im Moment gibt es insgesamt fünf Ambulanzen in Rheinland-Pfalz. Reichen diese aus?
Weber: Wenn Sie sehen, dass ich zwei Jahre Wartezeit habe, bin ich froh um jede Ambulanz, die hier noch aufmachen würde. Mit meiner Warteliste könnte ich wahrscheinlich drei füllen.

SWR Aktuell: Die Patienteninitiative NichtGenesen schätzt, dass es 80.000 Betroffene in Rheinland-Pfalz gibt. Wer ist vor allem betroffen?
Typischweise sind eher die Frauen betroffen. Die Geschlechterverteilung bei uns ist 70 Prozent Frauen, 30 Prozent Männer. Es sind eher jüngere Frauen, unser Durchschnittsalter ist 44 Jahre. Und wir haben auch Kinder in unserer Betreuung. Die Jüngsten sind neun Jahre alt. Es ist unheimlich schwer zu sagen, wie viele Betroffene es insgesamt gibt. Aber mehrere tausend Patienten in Rheinland-Pfalz halte ich für absolut realistisch.
SWR Aktuell: Würden Sie sagen, das Risiko, das von Long Covid ausgeht, wird insgesamt unterschätzt?
Weber: Ja, definitiv. Diese Erkrankung wird uns nicht mehr verlassen. Corona wird uns ja auch nicht verlassen. Auch wenn die Akutinfektionen mittlerweile glücklicherweise ihren Schrecken verloren haben. Gerade die letzte Welle, im Herbst, die jetzt nicht dramatisch war, aber die jetzt sozusagen als Long Covid bei mir aufschlägt, zeigt mir, dass wir da wirklich drauf achten müssen. Dass wir uns besser aufstellen müssen, damit wir mehr Behandlungskapazitäten für die Patienten haben.
Im Grunde kann es tatsächlich jeden treffen.
SWR Aktuell: Kann ich mich vor Long Covid schützen?
Weber: Im Grunde kann es tatsächlich jeden treffen. Nach wie vor sind die Impfungen wichtig. Ich weiß, dass die Leute teilweise Angst haben vor Impfungen. Aber es gibt wirklich verlässliche Zahlen, die zeigen, dass die geimpfte Population ein niedrigeres Risiko hat, an Post Covid zu erkranken.
SWR Aktuell: Sie betreuen aber auch Post-Vac-Patienten, richtig?
Weber: Ja, das will ich auch nicht kleinreden. Natürlich gibt es auch Patienten, die an Post-Vac erkranken oder erkrankt sind. Aber im Verhältnis zum Benefit der Impfung wäre Post-Vac für mich kein Grund, vom Impfen abzuraten.
SWR Aktuell: Die Patienteninitiative NichtGenesen startet nun eine Petition an den Landtag. Die Versorgung der Betroffenen soll verbessert werden. Was wären ganz konkrete Verbesserungen aus Ihrer Sicht?
Weber: Das Land Rheinland-Pfalz tut ja schon sehr viel im Vergleich zu anderen Bundesländern. Ich würde hier eher die Krankenkassen in der Pflicht sehen. Es macht sicherlich auch Sinn, die Petition an den Landtag zu geben, damit die Politiker vielleicht in Berlin ihren Einfluss geltend machen können. Die Kostenträger müssen einfach mehr mit ins Boot. Es gibt zwar eine neue Richtlinie, aber da sind so Ambulanzen wie unsere hier zum Beispiel nicht berücksichtigt. Die Vergütungsstruktur für die Patienten, die so viel Zeit brauchen, muss auf ganz andere Füße gestellt werden.
SWR Aktuell: Wie schätzen sie die Heilungschancen bei den Betroffenen ein?
Weber: Ich gehe schon davon aus, dass es denjenigen, die sich nicht weiter bei mir melden, schon irgendwie besser geht. Nichtsdestotrotz ist es so, dass es eine schwere Erkrankung ist. Wir wissen, dass, wenn die Symptomatik mehr als ein Jahr hält, dass sie dann leider auch einen längeren Zeitraum bestehen wird. Wir können noch nicht die Prognose über die Jahre abschätzen. Aber das ist leider eine Erkrankung, die wirklich einen langen Genesungsprozess benötigt.