Analyse zur Bundestagswahl in RLP

AfD-Hochburgen Kaiserslautern und Gelsenkirchen - was haben sie gemeinsam?

Stand

Von Autor/in Andrea Lohmann

Kaiserslautern ist einer von nur zwei Wahlkreisen im Westen, in denen die AfD mit den meisten Zweitstimmen gewonnen hat. Der andere ist Gelsenkirchen. Im westdeutschen Vergleich ist die AfD zudem in RLP recht erfolgreich. Wo liegen die Gründe?

Es geht um diese Zahlen zur Bundestagswahl 2025 in Rheinland-Pfalz:

  • Bundesweit holt die AfD 20,80 Prozent der Zweitstimmen - ein Plus von mehr als 10 Prozent.
  • In Rheinland-Pfalz kommt die AfD auf 20,1 Prozent - im Westen ist sie nur im Saarland noch erfolgreicher.
  • Die AfD räumt in Kaiserslautern ab und holt die meisten Zweitstimmen.
  • Neben Gelsenkirchen (24,7 Prozent) ist Kaiserslautern (25,9 Prozent) der einzige westdeutsche Wahlkreis, der mehrheitlich blau gewählt hat.

Wie überraschend ist der AfD-Erfolg in Rheinland-Pfalz?

Am Wahltag geht es um Hochrechnungen und Ergebnisse, am Tag danach um die Fragen: Wieso, weshalb, warum? SWR Aktuell hat zusammen mit Prof. Kai Arzheimer, Politikwissenschaftler an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, in die Zahlen geschaut, um darauf Antworten zu bekommen. Die könnten allerdings am Tag eins nach der Wahl nur vorläufig sein, betont Arzheimer.

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Viel Blau in Rheinland-Pfalz - überraschend oder absehbar?

Rheinland-Pfalz hat blauer gewählt als fast alle anderen westdeutschen Bundesländer. Politikwissenschaftler Arzheimer erklärt die klare Blaufärbung mit einem Match: zwischen dem typischen Profil eines potenziellen Wählers von rechtsradikalen Parteien und dem Profil von Rheinland-Pfalz als Region.

Bei dem Wähler-Profil geht es insbesondere um die so genannten soziostrukturellen Merkmale - es geht also um Einkommen, Alter oder Bildung. Aus der Forschung weiß Arzheimer, dass die AfD überproportional erfolgreich ist bei Wählern, die:

  • sich selbst zur Arbeiterschicht zählen
  • von sich sagen, dass ihre ökonomische Situation schwierig ist
  • einen eher einfachen Bildungsabschluss haben
  • in einem mittleren Alter sind

"Rheinland-Pfalz ist mit einer relativ großen Gruppe von solchen potenziellen AfD-Wählenden am Start", so Arzheimer. Das liege daran, dass Rheinland-Pfalz in weiten Teilen ein strukturschwaches Bundesland mit starker ländlicher Prägung sei. Hinzu kämen neben Kaiserslautern auch Städte wie Worms, Ludwigshafen oder Frankenthal, die als Industrieregionen von Strukturwandel betroffen seien.

Politikwissenschaftler Kai Arzheimer
Politikwissenschaftler Kai Arzheimer

Wiederkehrendes Muster

Arzheimer sagt deshalb: "Mich überrascht das Ergebnis nicht so sehr, ich finde aber auch die Unterschiede zu den anderen westlichen Bundesländern nicht riesig." Sehr überraschend sei dieses Ergebnis auch deshalb nicht, weil es ein wiederkehrendes Muster gebe:

Am Ostrand von Bayern, in Nordhessen und dem ehemaligen Zonenrandgebiet und im Süden und Südwesten von Rheinland-Pfalz sei die AfD schon in der Vergangenheit relativ erfolgreich gewesen, erklärt Arzheimer. Es gebe dort aber schon seit der Nachkriegszeit eine Tradition, rechts-außen zu wählen - wenn auch auf niedrigem Niveau.

AfD-Hochburgen in Rheinland-Pfalz

Man gehe davon aus, dass diese politische Tradition zum Beispiel in der Westpfalz oder der Kurpfalz auch etwas mit Religion zu tun: Dort, wo ein katholisches Milieu fehle, seien die Rechtsaußen-Parteien vergleichsweise erfolgreich. "Das Zusammenspiel von nicht-katholisch und abgehängt sein führt zu der Rechtsaußen-Tradition. Es fehlt das katholische Milieu als Bremse."

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Kaiserslautern und Gelsenkirchen - Schwestern im Geiste?

In Kaiserslautern und in Gelsenkirchen in NRW haben sich die Wähler und Wählerinnen mehrheitlich für die AfD bei der Zweitstimme entschieden. Die blauen Flecken springen in Westdeutschland als Exoten hervor:

Arzheimer geht davon aus, dass in Teilen von NRW die Stimmung ähnlich ist wie in den alten Industriestädten von Rheinland-Pfalz. Gelsenkirchen steche da mit dem gewonnenen Wahlkreis als blauem Fleck heraus. Aber es zeige sich: Selbst in einer Stadt wie Köln, wo es keinen subjektiven oder objektiven Niedergang gebe, ist Potenzial für eine Partei wie die AfD vorhanden. Beispiele sind die Kölner Stadtteile Lindweiler und Porz-Urbach, wo die AfD weit über der 30-Prozent-Marke landete.

Hohe Wahlbeteiligung - Katalysator für AfD-Erfolg?

Die Wahlbeteiligung lag bei der Bundestagswahl 2025 mit 83,0 Prozent in Rheinland-Pfalz deutlich höher als vor vier Jahren (77,2 Prozent). Arzheimer vermutet, dass die AfD davon profitieren konnte, betont aber: "Das ist echt noch schwierig zu sagen, bisher sind das nur erste Schätzungen, auf die wir uns stützen können."

Allerdings habe man schon bei vorangegangenen Landtagswahlen sehen können, dass es die AfD geschafft habe, Menschen an die Wahlurne zurückzuholen.

Er sieht aber an der Stelle nicht nur die in Teilen gesichert rechtsextreme AfD als Gewinnerin: "Ich vermute, dass auch die Linkspartei davon profitiert hat, dass es eine große Mobilisierung gab, dass das Interesse an der Wahl groß war und viele das Gefühl hatten, dass es um eine historische Entscheidung geht."

Linke und AfD stark bei den Jungwählern - ist die Jugend polarisiert?

Arzheimer weist darauf hin, dass die jungen Wähler und Wählerinnen in Rheinland-Pfalz nicht so viel anders wählen als der nationale Durchschnitt. In der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen stimmten in Rheinland-Pfalz 24 Prozent für die AfD (Gesamt RLP: 20,1 Prozent). Die Zustimmung der Jungen zu den Linken unterscheidet sich deutlicher vom Gesamtergebnis: von den 18- bis 24-Jährigen wählten 21 Prozent links, insgesamt waren es 6,5 Prozent.

Ein Fünftel wählt links, fast ein Viertel rechts-außen - ist die Jugend polarisiert? Arzheimer will das nicht unterschreiben und sagt: "Die Ergebnisse sind spannend und total nachvollziehbar. Das heißt nicht, dass eine ganze Generation an den Rändern ist."

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"Die jungen Wähler sind nicht orientierungslos, sondern eher bereit, etwas auszuprobieren", erklärt der Politikwissenschaftler. 2021 habe davon die FDP stark profitiert, aber sie habe die Erwartungen eben nicht erfüllt.

"Ganz am Anfang der Karriere als Bürger oder Bürgerin ist man offener als eine Person, die sich seit 20 Jahren mit Politik beschäftigt und schon eine politische Heimat gefunden hat." Es bleibt also spannend, ob die Erwartungen der jungen Menschen erfüllt werden oder nicht - und was sie bei der nächsten Bundestagswahl wählen werden.

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