Album-Tipp

Jonathan Tetelman: The Great Puccini – Zärtlichkeit und stimmliche Mühelosigkeit

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Autor/in
Christine Lemke-Matwey
Christine Lemke-Matwey
Onlinefassung
Teodora Mebus

Der chilenisch-US-amerikanische Sänger Jonathan Tetelman gilt seit zwei Jahren als Shootingstar am internationalen Tenorhimmel. Und wie das so ist mit Hochglanzetiketten: Man glaubt ihnen nicht. Jetzt aber hat Tetelman gemeinsam mit der Prague Philharmonia ein Puccini-Album herausgebracht, das SWR2-Kritikerin Christine Lemke-Matwey beeindruckt.

Verhalten singt Tetelman den Arienbeginn „Che Gelida Manina“ aus La Bohème, fast ehrfürchtig vor der Größe des Gefühls, das den jungen Rodolfo überwältigt. Eine glühende Liebe, die der US-amerikanische Tenor in glühende Töne verwandelt: samtig-erotisch sein Timbre, strahlend die Attacke in der Höhe, strotzend vor Begehren das Ganze. 

Hochglanzetiketten für den 35-jährigen Tenor

Seit zwei Jahren gilt Tetelman als der Shootingstar am internationalen Tenorhimmel, und wie das so ist mit Hochglanzetiketten: man glaubt ihnen nicht. Tetelman, der neue Jonas Kaufmann, Tetelman beim Opus Klassik und als Exklusivkünstler der Deutschen Grammophon, Homestories hier, Instagram da.

Geht so Karriere? Wahrscheinlich. Karriere geht aber auch so: Als Kind hört der kleine Jonathan Luciano Pavarotti Puccini singen und beschließt, das will ich auch! Da will ich hin. 

Jonathan Tetelman bei Instagram

„O soave fanciulla“ mit Jonathan Tetelman und Federica Lombardi – wo hörte man besser, dass Pavarotti für Tetelman Pate gestanden hat, als in diesem Duett! An die legendäre Karajan-Aufnahme von „La bohème“ mit Mirella Freni und Pavarotti kommen Lombardi und Tetelman zwar nicht heran, die Zärtlichkeit aber, mit der sie singen, die stimmliche Mühelosigkeit, der veristische Liebesschmelz – das ist alles toll.

Beginn als Bariton, Krise, Arbeit als DJ und jetzt Rückkehr als Tenor – zum Glück

Vielleicht drückt Tetelman eine Spur zu sehr auf die Tube, die Oper handelt schließlich von armen, hungernden, sterbenskranken Künstlern. Auf seinem neuen Album aber kann er auch anders. Bei „La Rondine“ – später Puccini, ganz andere Ästhetik – packt er alle Sixpacks und Bizeps weg, wenn man so will.

Als Spinto-Tenor, der er ist, kann er auch ganz zart sein, ganz lyrisch und geschmeidig und stemmt Spitzentöne nicht (nur) aus der Kraft heraus, sondern lässt sie fluten, herbeiströmen. Er hat die Höhe, weil er die Tiefe hat. Begonnen hat der 35-Jährige nämlich als Bariton, es folgte eine Krise, er arbeitete u.a. als DJ und kehrte als Tenor zum Gesang zurück. Glücklicherweise, finde ich, und hoffentlich geht er gut mit seinen Ressourcen um. 

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