Todesfälle in Deutschland

Neue synthetische Drogen im freien Verkauf

Stand

Unter der harmlosen Etikette "Forschungschemikalien", werden neue synthetische Drogen frei verkauft. Doch die Einnahme der Substanzen kann sehr gefährlich oder sogar tödlich sein.

Dass Drogen gefährlich, sogar tödlich sein können, das ist nichts Neues. Mehr als 2.200 Drogentote gab es in Deutschland 2023 – ein Höchststand seit den 1970er-Jahren. Nur ein kleiner Anteil davon – keine hundert Todesfälle – gehen dabei zurück auf eine Stoffgruppe, die den Fachleuten trotzdem aktuell große Sorgen macht. Es ist eine Gruppe von synthetischen Stoffen mit psychoaktiver Wirkung, die oft als "Research Chemicals" bezeichnet werden – auf Deutsch: Forschungschemikalien.

Über dieses Thema hat Professor Bernd Werse mit Martin Gramlich in SWR Impuls gesprochen. Werse leitet das Institut für Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences.

Forschungschemikalien: Synthetische Abwandelungen von bekannten Drogen

Martin Gramlich, SWR: Herr Werse, sie sind mit diesem Begriff Forschungschemikalien nicht ganz zufrieden. Warum nicht?

Professor Bernd Werse: Naja, dieser Begriff ist erst mal eine direkte Übersetzung des englischen Begriffs: Research Chemicals. Dieser Begriff wurde von denjenigen, die das verkaufen, als eine Art Schutz-Bezeichnung verwendet. So nach dem Motto: Man bestellt sich da Chemikalien, mit denen man irgendwie rumexperimentieren kann und nicht: Man bestellt sich Drogen, mit denen man sich berauschen kann.

SWR: Also eher ein verharmlosendes Etikett. Was genau sind das für sind synthetische Drogen oder was für eine Stoffgruppe ist das? Was verbindet die?

Werse: Grundsätzlich verbindet sie erst mal nichts, was jetzt so die einzelnen Stoffgruppen angeht. Im Grunde genommen ist alles vertreten, was in irgendeiner Art psychoaktiv wirken kann. Vor etwa 15 Jahren war es so, dass diese Stoffe eine etwas größere Aufmerksamkeit erfahren haben. Vor allen Dingen durch sogenannte synthetischen Cannabinoide, die damals erst noch legal verkauft wurden. Aber mittlerweile gibt es solche legal erhältlichen Stoffe aus allen Bereichen, wie aufputschende Drogen, oder auch synthetische Opioide, die dann besonders gefährlich sein können, was Überdosen angeht.

Person raucht Vape. Neue synthetische Drogen sind als Forschungschemikalien frei verkäuflich.
Synthetische Cannabinoide wie HHC sind schon länger frei verkäuflich. Doch neue synthetische Drogen – sogenannte Forschungschemikalien – können sehr gefährlich sein.

Gesetzeslage mit Lücken für neue synthetische Drogen

SWR: Sie haben eben gesagt: "Teilweise legal, online erhältlich." – wie ist das möglich? Und warum ist es so schwierig, den Verkauf rechtlich einzuschränken?

Werse: Man hat damals, als dieses Phänomen dieser neuen psychoaktiven Substanzen aufkam, erst mal eine Zeit lang immer nur einzelne Stoffe verboten. Dann hat man aber gemerkt: Man kommt da einfach schlecht hinterher, weil der Prozess der Gesetzesänderung mindestens mehrere Monate dauert. Dann hat man irgendwann das sogenannte neue Psychoaktive-Stoffe-Gesetz eingeführt, wo ganze Stoffgruppen verboten wurden. Aber auch da haben dann die entsprechenden Anbieter relativ schnell Wege gefunden, andere Stoffe, die nicht diesen Definitionen entsprechen, auf den Markt zu werfen. Deswegen gibt es immer wieder neue Stoffe, die erst einmal legal sind.

SWR: Wer entwirft oder wer wirft solche Stoffe oft den Markt? Woher kommen die?

Das kann man nicht so pauschal sagen. Also eine Zeit lang kamen die meistens aus China oder aus anderen asiatischen Ländern, teilweise auch in ganz, sozusagen "legalen" pharmazeutischen Betrieben hergestellt. Aber was ich mitbekommen habe ist, dass es auch in Europa solche Spezialisten gibt, die das dann in ihren privaten Labors herstellen. Aber so genau kann man es eigentlich nicht sagen.

Kaum Erforschung der neuen Substanzen macht die Dosierung besonders gefährlich

SWR: Was macht jetzt diese Stoffe so gefährlich und problematisch?

Werse: Insgesamt würde ich diese Stoffe nicht unbedingt pauschal als gefährlicher einschätzen als andere Drogen, mit denen man sich überdosieren kann. Aber was tatsächlich spezifisch auf diese Stoffe zutrifft ist, dass viele von diesen Drogen noch wenig erforscht sind. Und gerade wenn es eben zum Beispiel um synthetische Opioide geht, die sowieso schon in sehr kleinen Mengen wirksam ist, dann kann man, wenn man bisher wenig Informationen darüber hat, wie man die am besten dosieren sollte, sich noch leichter tödlich überdosieren.

Allerdings: Es ist jetzt nicht ein Phänomen, was jetzt große Teile derer, die Drogen konsumieren betreffen würde, sondern es scheint doch nach wie vor eine sehr spezialisierte Gruppe zu betreffen.

SWR: Was ist das für eine Gruppe? Gibt es da eine Art Zielgruppe dieser Stoffe?

Werse: Das sind jetzt ist es nicht eine, sondern das sind es eher unterschiedliche Gruppen. Einerseits gibt die sogenannten Psychonauten, die an sehr unterschiedlichen Bewusstseinszuständen interessiert sind und die meistens einen relativ bewussten Konsum betreiben und eher weniger gefährdet sind, sich zu überdosieren. Aber es kann eben auch passieren, dass solche Substanzen dann weiterverkauft werden. Da wird es dann natürlich auch besonders gefährlich. Wenn dann irgendein Dealer aus der Szene irgendetwas weiterverkauft und diejenigen, die es kaufen, nicht genau wissen, wie man es dosieren soll, dann ist natürlich die Gefahr besonders hoch.

LSD und MDMA. Neue synthetische Drogen oder Forschungschemikalien.
Neue synthetische Drogen können sehr unterschiedlich sein. Von starken Opioiden bis hin zu Partydrogen, wie LSD oder MDMA.

Anstieg neuer synthetischer Drogen auf dem Schwarzmarkt fraglich

SWR: Die Todeszahlen sind noch überschaubar, aber viele Fachleute befürchten, dass die Todesfälle im Zusammenhang mit diesen Stoffgruppen zunehmen könnten. Sehen Sie das auch so?

Werse: Das ist so eine Sache, die schon seit Jahren mittlerweile diskutiert wird, insbesondere was die synthetischen Opioide angeht. Das hat vor allen Dingen damit zu tun, dass die Taliban in Afghanistan wieder an die Macht gekommen sind und dort den Opium-Anbau rigoros unterbunden haben. Das heißt, das Heroin, das bisher zu über 90 Prozent aus Afghanistan kam, wird wohl immer weniger hier auf dem Markt. Als Ersatz wurde jetzt die ganze Zeit befürchtet, dass diese synthetischen Opioide stärker auf den Markt kommen. Das ist allerdings bisher nur in sehr begrenztem Ausmaß passiert.

SWR: Wie lässt sich diesen Stoffgruppen, dieser Drogenart, etwas entgegensetzen? Sie haben das neue Psychoaktive-Stoffe-Gesetz angesprochen, mit dem man auch immer neuen Stoffgruppen hinterherhängt. Wie kann man damit sonst umgehen?

Werse: Ja, das ein bisschen schwer zu sagen, weil gerade das Phänomen, was ich eben angesprochen habe, relativ unabhängig davon ist, ob Substanzen jetzt legal oder illegal sind. Da geht es auch in aller Regel um illegale Dealer, die an günstige synthetische Stoffe geraten und denen es egal ist, ob es diese Stoffe ursprünglich mal legal verkauft wurden.

Wenn etwas legal erhältlich ist, heißt das nicht, dass plötzlich alle Leute das konsumieren oder so. Ein ganz gutes Beispiel ist LSD: Seit Jahren gibt es Derivate von LSD legal zu kaufen, ohne dass wir feststellen könnten, dass der Konsum von LSD zugenommen hätte in einer der entsprechenden Zielgruppen. Der bloße Umstand, dass etwas legal erhältlich ist, heißt nicht, dass plötzlich alle das konsumieren.

Ludwigshafen

Illegaler Drogenhandel? Auch Hells-Angels-Mitglieder festgenommen Razzia in Pfalz: Waffe, Schmuck und 80.000 Euro Bargeld beschlagnahmt

Bei einer Razzia wegen illegalen Drogenhandels hat die Polizei Wohnungen in Ludwigshafen, im Kreis Germersheim, Bad Dürkheim und Kaiserslautern durchsucht. Sechs Männer wurden festgenommen, drei gehören zu den Hells Angels.

Drogenpolitik Ein Jahr Cannabis-Freigabe – Große Versprechen, schleppende Umsetzung

Am 1. April 2024 trat das Cannabisgesetz in Kraft. Bis heute wird es hitzig und sehr emotional diskutiert. Doch wie steht es wirklich um Anbauvereine, Eigenanbau und Gesundheitsschutz?