90 Prozent der Magersüchtigen sind Frauen
In der Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie an der Universitätsklinik Tübingen werden auch Magersüchtige behandelt. An der schweren Essstörung leiden in Deutschland mehr als 100.000 Menschen – 90 Prozent davon sind junge Frauen.
Ich war hier auf Station, habe die Portionen gesehen und habe Panikattacken gekriegt. Herzrasen, wie wenn jemand mit dem Messer hinter mir steht und sagt: ich töte dich jetzt. Und so kam mir die Portion Nudeln vor.
Magersüchtige sind auffallend dünn, nehmen sich jedoch als dick war. Essen löst bei ihnen Panik aus. Ihre Gedanken kreisen permanent um ihre Figur. Die Vorstellung verschwindet, wie ein gesunder Körper aussehen sollte.
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Magersucht – Therapien gegen die Essstörung
Behandlung erinnert an Computerspiel
Das Therapiehilfsmittel erinnert an ein Computerspiel. Die Patientinnen tragen eine VR-Brille und haben Joysticks in der Hand. Diese eher ungewöhnliche Therapieform kann die klassische Behandlung wie Psychotherapie erweitern. Die Patientinnen sollen mit Hilfe einer VR-Brille eine reale Vorstellung davon bekommen, wie sie mit einem für ihre Größe angemessenen, gesunden Gewicht aussehen.

Unser Therapieverfahren, also unsere virtuelle Realitätsumgebung, in der wir mit einem normalgewichtigen Körper konfrontieren können, erweitert im Wortsinn die Realität.
Konfrontation mit normalgewichtigem Körper
Das Bild, das die Magersüchtigen durch die VR-Brille sieht, zeigt sie mit einem gesunden Gewicht. Laut Weltgesundheitsorganisation wäre das ein BodyMassIndex von 19. Das entspricht bei einer Größe von 1 Meter 65 etwa 52 Kilogramm.

Insgesamt 4 mal 30 Minuten lang schauen sich die Betroffenen ihren virtuellen Körper an. Bei etwa der Hälfte der Patientinnen lässt die Anspannung nach der Hälfte der Zeit nach. Für die klinische Studie haben die Tübinger Patientinnen mit Magersucht untersucht, die aktuell in Behandlung waren.

Therapiemöglichkeit durch Zufall entdeckt
Am Max-Plack-Institut in Tübingen wurde die VR-Brille in Zusammenarbeit mit der Uniklinik Tübingen entwickelt.

Wir haben in früheren Studien, wo es eigentlich um Körperwahrnehmung von Patientinnen von Magersucht ging, Zufallsbefunde gehabt, dass es für diese Patientinnen wahnsinnig aufregend war sich anzuschauen und es ihnen hinterher irgendwie besser ging. Und als der therapeutische Blick dazu kam, war eben der Wunsch gereift, das nutzbar zu machen als Intervention für Patientinnen.
VR-Körper sollen möglichst menschlich aussehen
Die Forscherinnen am Max-Planck-Institut haben mit Hilfe des weltweit ersten 4D-Scanners die Daten tausender Menschen unterschiedlicher Statur gesammelt. Das Ziel: Die Körper, die später durch die VR-Brille sichtbar sind, sollen möglichst akkurate Proportionen haben. Dafür nahmen 66 hochauflösende Kameras die Person aus verschiedenen Blickwinkeln auf. So lassen sich ihre Körperform und Bewegung rekonstruieren. Der Avatar soll auch mit seiner Gestik und Mimik möglichst menschlich aussehen.

VR-Brille erweitert klassische Therapie
Die VR-Brille ermöglicht Patientinnen einen Blick über die Grenzen der klassischen Körpertherapie hinaus.
Mein Ziel ist dann auch tatsächlich so auszusehen wie auf dem Bild und auch langfristig zu sagen, jetzt bin ich gesund. Jetzt habe ich ein gesundes Gewicht.
Gelingt mit Virtual Reality der Blick in eine gesunde Zukunft? Erste Studienergebnisse der Tübinger sind vielversprechend.