Andreas
Hörspiel nach dem gleichnamigen Romanfragment von Hugo von Hofmannsthal
Teil 1: Die Ankunft, der bediente Gothelf und Castell Finazzer
Teil 2: Der dritte und vierte Tag in Kärnten/Drei neue Bekanntschaften
Zum 150. Geburtstag von Hugo von Hofmannsthal gilt es einen der radikalsten, aber kaum bekannten Texte dieses konservativen Modernisten neu zu entdecken. Und zwar als Hörspiel. „Andreas“ ist sein einziger, Fragment gebliebener Roman, an dem er von 1907 bis 1927 arbeitete. Hier dekliniert Hofmannsthal die Verlassenheit des Menschen ohne Gott durch und beschreibt den Verlust der Ich-Identität über eine fast ins Schizophrene gleitende Selbstwahrnehmung. Der komplexe Charakter der Wirklichkeit wirkt bedrohlich, Schein und Sein gleiten bei Hofmannsthal dämonisch ineinander. Es sind Themen, die die Décadence- und Fin de Siècle-Literatur um 1900 exquisit und explizit auszeichneten. Dabei nutzt Hofmannsthal zugleich alle Formen des Romans. Er oszilliert souverän und suggestiv zwischen klassisch und auktorial erzähltem Bildungs- wie Heimatroman, psychologischen Erzählen, Lustspiel, einer an Kafka erinnernden personalen Erzählerhaltung, innerem Monolog, szenischen Konturierung und symbolisch-poetischer Naturbeschreibung. Dabei bleibt vieles aus der inneren Logik des Stoffes nur Fragment, muss fragmentarisch bleiben. Nach Freud, Einstein und Marx ist das Heterogene als Signatur moderner Erfahrung im 20. Jahrhunderts nicht mehr zusammenzufügen.
Das historische Setting ist im 18. Jahrhundert angesiedelt, es geht aber um Erfahrungen, die auch heute gelten: um die existenziellen Nöte eines jungen Bildungsreisenden, dessen Weg von Wien nach Venedig führt und dabei in die Abgründe von Niedertracht, Gewalt, sozialem Abstieg, Ich-Dissoziation und surrealer Erfahrung von Sexualität mündet.
Das Hörspiel nutzt vorwiegend die Textfassung aus dem Jahr 1913, nur um einige Passagen aus den Notizen erweitert.
Im Anschluss folgt „Der Weiße Fächer“, ein Kleinod aus dem SWR-Archiv von 1947. Hofmannsthal erzählt mit Charme und Humor, wie die Trauer um den Ehepartner in einer neuen Liebe weichen kann.
Zur Fotosammlung Hugo von Hofmannsthal
Die Sprecherinnen und Sprecher und ihre Rollen:
Karl Markovics (Erzähler)
Tilman Tuppy (Andreas von Ferschengelder)
Lukas Watzl (Gotthelf)
Maresi Riegner (Romana Finazzer)
Norman Hacker (Bauer Finazzer)
Christoph Luser (Knecht)
Johannes Zirner (Maskierter)
Dörte Lyssewski (Gräfin Gasparo)
Roland Koch (Graf Gasparo)
Safira Robens (Zustina)
Lilith Häßle (Nina)
Markus Hering (Zorzi)
Branko Samarovski (Der Malteser / Sacramozo)
Musiker: Orlando Bass (Klavier), Adam Woodward (Violine)
Hörspielbearbeitung: Manfred Hess / Ruthard Stäblein
Komposition: Cathy Milliken / Dietmar Wiesner
Regie: Ulrich Lampen
Produktion: SWR / ORF 2024 mit freundlicher Unterstützung des Freien Deutschen Hochstifts Frankfurt am Main - Premiere
Das Unvollendete vollendet – Der Roman ‚Andreas‘ Im Oeuvre von Hugo von Hofmannsthal
Essay von Ruthard Stäblein
Produktion: SWR 2024
Der weiße Fächer
Hörspiel nach dem Theaterstück von Hugo von Hofmannsthal
Gleich einem federleichten Zauberspiel entwirft Hofmannsthal sein 1897 veröffentlichtes Versdrama um die zwei verwitweten junge Menschen Fortunio und Miranda. Sie möchten ihr Versprechen gegenüber den verstorbenen Ehepartnern einlösen, finden aber zurück ins, der Liebe zugewandte Leben des schönen Scheins.
Mit: Kunibert Gensichen, Harald Baender, Elsa Pfeiffer, Herbert Fleischmann, Edith Heerdegen, Käthe Lindenberg, Renate Junker
Bearbeitung: Peter Kehm
Regie: Claire Schimmel
Produktion: SDR 1949
Hugo von Hofmannsthal
Vor 150 Jahren, am 1. Februar 1874, wurde Hugo von Hofmannsthal in Wien geboren. Heute ist er meist nur noch bekannt als Dramatiker des seit 1920 alljährlich in Salzburg medienwirksam aufgeführten Mysterienspiels „Jedermann“ sowie als kongenialer Librettist von Richard Strauss’ Opern wie „Elektra“ oder „Der Rosenkavalier“. Aber sein Werk ist vielschichtig. Als 17-jähriger Schüler schlug er wie ein Meteor ein ins Literaturleben der Wiener Moderne um Arthur Schnitzler und Hermann Bahr. Mit seiner Lyrik, gezeichnet unter dem Pseudonym „Loris“, galt er als „frühvollendetes Genie“. Was folgte, waren aber sprachmächtige wie formal vielseitige erzählerische und dramatische Werke. Ab 1903 kam das Opernlibretto hinzu. Hofmannsthal starb 1929 im Alter von 55 Jahren.