SWR Aktuell: Herr Natus, wie geht es der Wirtschaft in der Region Trier?
Frank Natus: Grundsätzlich kann man sagen, dass die Wirtschaft in ganz Deutschland und damit auch in der Region Trier am Boden liegt. Jeden Tag gibt es neue Meldungen, dass Unternehmen in Kurzarbeit gehen oder sogar Mitarbeiter entlassen müssen. Kürzlich habe ich einen Pressebericht gelesen, dass das Wachstum in der Region Trier sogar noch niedriger ist als in Rheinland-Pfalz und auch in Deutschland insgesamt.
SWR Aktuell: Was erwarten Sie aus regionaler Sicht von der künftigen Bundesregierung?
Natus: Wir ersticken an den Bürokratielasten in Deutschland, und es kommen aus Berlin und aus Brüssel immer neue hinzu. Das betrifft natürlich auch die Unternehmen hier in der Region. Wir brauchen deutlich schnellere Genehmigungsverfahren, um auch wieder zu investieren. Und wir brauchen vor allen Dingen eine Lösung für den Fachkräftemangel, den wir hier auch in der Region verspüren. Es kann nicht sein, dass wir hier Mitarbeiter suchen und 40.000 Pendler nach Luxemburg gehen.
Wann kommen Vertrauensfrage und Neuwahlen? Ampel-Aus: Politiker und Wirtschaftsvertreter aus der Region Trier reagieren
Aus der Region Trier gibt es zahlreiche Reaktionen auf das Ampel-Aus. Neben vielen Politikern auch hat sich Frank Natus von der Vereinigung Trierer Unternehmen geäußert.
SWR Aktuell: Wo soll die Politik ansetzen, damit die Pendler lieber hier arbeiten? Bei der Einkommenssteuer?
Natus: Genauso ist es. Die Löhne sind in Luxemburg nicht höher, d.h. die Bruttolöhne. Aber das, was netto dabei herauskommt, ist in Luxemburg deutlich höher. Und das kann es eigentlich nicht sein. Uns fehlen 10.000 Arbeitskräfte in der Region. 40.000 gehen nach Luxemburg. Jeden Tag. Wenn wir nur die 10.000 hätten, die wir hier für den Arbeitsmarkt bräuchten, wäre uns schon mal sehr geholfen.
SWR Aktuell: Spielt Migration eine positive Rolle beim Fachkräftemangel? Können Geflüchtete das abfedern?
Natus: Wir als Firma Natus haben auch sehr viele Flüchtlinge eingestellt und haben teils schlechte, aber auch sehr viele gute Erfahrungen gemacht. Egal, aus welchen Ländern sie kamen. Hier gilt es zwei Dinge zu beachten: Erstens müssen die Verfahren, um die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu bringen, deutlich beschleunigt werden. Und auch die Integration in den Arbeitsmarkt muss deutlich schneller erfolgen. Es gibt Länder, die das deutlich besser machen.
SWR Aktuell: Welche Rolle spielt in der Region Trier die Energiediskussion, d.h. die relativ hohen deutschen Energiepreise?
Natus: Die sind ein großes Problem vor allen Dingen für energieintensive Industriebetriebe. Und wozu führt das? Dazu, dass die Unternehmen entweder Mitarbeiter entlassen müssen oder Verlagerungen ins Ausland anstreben. Diese schleichende Deindustrialisierung in Deutschland ist längst im vollen Gange, und es sind eben nicht nur die namhaften Beispiele, wenn ein Bosch oder ein Schaeffler oder BASF das tun. Es sind auch die vielen Tausenden von Familienunternehmen.
SWR Aktuell: Gibt es da auch Beispiele aus der Region Trier?
Natus: Ich habe keine namhaften Beispiele, die ich hier erwähnen könnte. Aber ich weiß, dass es schon passiert. Und da müssen wir dringend gegensteuern. Die Energiekosten sind definitiv zu hoch in Deutschland.
Das ist maßgeblich ausgelöst worden durch den Ukraine-Krieg. Wir haben vorher das billige Gas aus Russland gehabt, dann plötzlich nicht mehr. Und da muss man auch sagen: Wenn man in einer solchen Notlage ist, ist es absolut unverständlich, wie man dann auch noch die drei letzten Atomkraftwerke in Deutschland abschalten kann. Wir kaufen aber den teuren Atomstrom aus Cattenom zu. Das kann kein Mensch begreifen.
Wirtschaftskammern HWK und IHK fordern Reformen Wie die Wirtschaft in der Region Trier auf die Überholspur kommen soll
Die Handwerkskammer und die Industrie- und Handelskammer Trier sehen die regionale Wirtschaft in Gefahr. Sie fordern schnelle Reformen. Es gelte keine Zeit zu verlieren.
SWR Aktuell: Erst vor wenigen Tagen beklagten die beiden Trierer Kammern IHK und HWK den desolaten Zustand von Straßen und Brücken in der Region Trier und dass geplante Verkehrsprojekte nicht vorankommen…
Natus: Das ist nach wie vor ein gravierendes Thema. Bis heute haben wir immer noch keinen A1-Lückenschluss. Wir haben das Thema hier mit der Ehranger Brücke. Wir haben das Thema Moselaufstieg. Das alles würde auch den Gütertransport hier in die Stadt Trier natürlich beschleunigen und würde auch den Verkehrsinfarkt, den wir teilweise in Trier haben, deutlich reduzieren.
Neues Angebot des SWR Studios Trier Nachrichten aus der Region Trier jetzt auf WhatsApp lesen
Das SWR Studio Trier ist jetzt auch auf dem Messenger-Dienst WhatsApp aktiv. Dort finden Sie regionale Nachrichten von Mosel und Saar, aus der Eifel, Hunsrück und Hochwald.
SWR Aktuell: Wenn Sie aus Unternehmersicht auf die Wahl schauen, würden Sie sagen, dass wir in Zukunft mehr Politik brauchen oder weniger?
Natus: Zunächst einmal brauchen wir eine völlig andere Ausrichtung der Politik. Die Ampel hat sich jetzt drei Jahre versucht. Man muss sagen, sie ist krachend gescheitert. Und das liegt nicht nur an der FDP. Das hat einfach nicht funktioniert. Und ein „Weiter so!“ geht nicht.
Wir brauchen einen grundlegenden Wandel in der deutschen Politik, zu all den Themen, die wir besprochen haben. Aber vor allen Dingen müssen wir mal den Fokus wieder auf die Wirtschaftspolitik legen, denn nur eine funktionierende Wirtschaft kann uns auch die Steuereinnahmen bringen, die wir benötigen, um weiter sozial bleiben zu können und auch, um unsere Umwelt zu retten.