29.4./7.5.1986

Berichterstattung über das Reaktorunglück in Tschernobyl in der DDR

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Autor/in
SWR2 Archivradio

Auch die Medien in der DDR berichteten über die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Sie fühlten sich dem großen Bruder verpflichtet und hielten sich an die offiziellen Mitteilungen der sowjetischen Regierung. Die Berichterstattung der westlichen Medien sei aufbauschend und irreführend.

Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz beruhigt

Wie in der Bundesrepublik vermeldete auch die DDR am Abend des 29. April 1986 das Unglück von Tschernobyl. Der Sprecher des staatlichen Amtes für Atomsicherheit und Strahlenschutz in der DDR, Dr. Wolfgang Rüder erklärte beruhigend:

"Im Gebiet der DDR erfolgt kontinuierlich eine ständige Überwachung der Radioaktivität in der Umwelt. Der Präsident des staatlichen Amtes für Atomsicherheit und Strahlenschutz, Prof. Dr. Sitzlack, hat bereits in einer Pressemitteilung betont, dass diese Messungen mit äußerster Gründlichkeit erfolgen. Die Ergebnisse zeigen, dass im Zusammenhang mit der Havarie im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl keine Gesundheitsgefährdung für Bürger der DDR besteht. Es muss weiter darauf verwiesen werden, dass in der DDR ein ganz anderer Reaktortyp zum Einsatz kommt als in Tschernobyl. Ich kann versichern, dass die Einhaltung der für die Kernkraftwerke in der DDR geltenden strengen Sicherheitsvorschriften durch das staatlichen Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz ständig kontrolliert und strikt durchgesetzt wird."

Wissenschaftler: Kritik an Sowjetunion ist üble Hetzkampagne des Westens

Es folgt ein Gespräch der DDR-Wissenschaftler Prof. Dr. Günther Flach (Direktor des Zentralinstituts für Kernforschung) und Prof. Dr. Karl Lagius (Direktor des Instituts für Hochenergiephysik an der Akademie der Wissenschaften in der DDR) im Radio DDR 1 am 30. April 1986. Die Wissenschaftler sprechen im Interview über den Zustand der sowjetischen Atomkraftwerke. Sie gehen in ihrer Beurteilung der Katastrophe von der offiziellen Mitteilung der sowjetischen Regierung aus. Komplexe Systeme unterlägen immer einem Risiko, der Reaktortyp sei "im Prinzip" sicher.

Beide Wissenschaftler äußerten absolutes Unverständnis an der westlichen Kritik an der Sowjetunion und betrachteten die Forderungen nach mehr Information und Aufklärung als "üble Hetzkampagne".

Kommentar zur Berichterstattung westlicher Medien

Am 2. Mai 1986 warf Klaus Dieter Kröber in Radio DDR 1 einen Blick in die westliche Presselandschaft. Die Berichterstattung sei unglaubwürdig, übertrieben und verleumderisch. Besonders die bundesdeutsche Zeitung "Bild" bekam ihr Fett weg:

"Hier sehen Sie, gewissermaßen wie in einem Prisma, zugegeben in einem besonders üblen Blatt, aber eben mit riesen Auflage, hinter dem Vorwand von Sorge um Menschen und ihre Gesundheit, die billige Absicht von Brunnenvergiftern, die man leider nicht nur in der bundesdeutschen Massengazette "Bild" findet."

Jugendaustausch mit Baden-Württemberg abgesagt

In den Nachrichten des Berliner Rundfunks vom 7. Mai 1986 geht es um die Absage eines Jugendaustauschs.

Die DDR nutzte jede Gelegenheit für einen Propagandaschlag gegen die BRD: Nach dem Reaktorunglück sagte das baden-württembergische Kultusministerium einen Jugendaustausch mit der DDR ab. Das, so der DDR-Rundfunk, bekräftige den Eindruck, dass führende Kreise der BRD nicht an einer Verbesserung des Ost-West-Verhältnisses interessiert seien.

Reaktorunglück von Tschernobyl

29.4.1986 Erste internationale Reaktionen auf den Reaktorunfall in Tschernobyl

29.4.1986 | Nach Bekanntwerden des Reaktorunfalls in Tschernobyl war das Informationsbedürfnis der westlichen Staaten groß. Das Korrespondentennetzwerk der ARD lieferte Informationen aus allen von der Radioaktivität betroffenen Ländern.

14.5.1986 Stellungnahme von Gorbatschow nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl

14.5.1986 | In der ersten öffentlichen Stellungnahme der Sowjetunion nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl reagierte Michail Gorbatschow auf die Kritik des Westens. Er forderte zur internationale Zusammenarbeit in Kernenergiefragen auf.

18. und 19.5.1986 Demonstration gegen die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf

18./19.5.1986 | An Pfingsten 1986 demonstrieren Zehntausende gegen den Bau der Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf. Der Rundfunkjournalist Ulrich Böken war mit dem Mikrofon vor Ort. Sein Rohmaterial zeichnet ein Stimmungsbild der Demonstranten im Taxöldener Forst. | Kernenergie

4.6.1986 Erster Bundesumweltminister: Walter Wallmann vor Amtsantritt im Interview

4.6.1986 | Infolge des Reaktorunglücks von Tschernobyl in der Sowjetunion schuf die Bundesregierung eine neue Behörde: das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Erster Bundesumweltminister wurde Walter Wallmann (1932 - 2013) von der CDU. Ein Interview im Hessischen Rundfunk vom 4. Juni 1986.

12.12.1986 Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter: Umgang mit der Angst nach Tschernobyl

Am 12.12.1986 gab der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter ein Interview im NDR. Er sprach über den Umgang mit der Angst nach der Reaktorkatastrophe. Er warnte vor dem Glauben, alle Gefahren mit dem Fortschritt der Technik beherrschen zu können.

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