SWR2 lesenswert Kritik

Anthony McCarten – Going Zero

Stand
Autor/in
Brigitte Neumann

Die Überwachung der US-Bürger funktioniert im neuen Thriller von Anthony McCarten schon nahezu perfekt. Um letzte Zweifel zu zerstreuen, ruft die Firma "Fusion" einen Beta-Test aus. Wer der Beobachtung durch seine Kontrolleure einen Monat lang entkommt, dem winken drei Millionen Dollar. "Going Zero" von Anthony McCarten ist überaus spannend, und er trifft ein Momentum.

Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Diogenes Verlag, 460 Seiten, 25 Euro
ISBN 978-3-25707-192-4

Der 62-jährige, in Neuseeland geborene Anthony McCarten schrieb Drehbücher, Theaterstücke, Gedichte, Kurzgeschichten und Romane, von denen die meisten verfilmt wurden. Er erhielt zwei Oscar-Nominierungen und hat jetzt einen Thriller vorgelegt, der hart an unseren digitalen Lebenswelten entlang geschrieben ist: "Going Zero" - Brigitte Neumann.

Der Roman ist so spannend, dass die Augen tränen. Befeuert von einem gewissen Gleichklang zwischen Nachrichtenrealität und Plot, hasten sie über die Zeilen. Keine Frage, Anthony McCarten weiß, wie er seine Leser an den Haken nimmt.

Das Thema seines Romans „Going Zero“ ist das Ende der Privatsphäre, der Bürger als auslesbares Wesen. Wir erinnern uns: „Don’t be evil“ war mal der Claim von Google. Das sollte bedeuten: Wer nichts zu verbergen hat, dem sind die Big-Tech-Tracker egal. Und wenn diese dann gemeinsame Sache mit Polizei und Geheimdiensten machen – Großdatensammler „Palantir“ lässt grüßen – ja dann, fühlt sich der unbescholtene Bürger doch nur umso sicherer.

McCarten hatte nun die geniale Idee, zehn derartig unbescholtene US-Bürger in seinem Roman „Going Zero“ auftreten zu lassen. Ihre Aufgabe: Sie sollen dreißig Tage lang untertauchen und so beweisen, dass die USA noch kein totalitärer Überwachungsstaat sind.

Wer es schafft, dem winken drei Millionen US-Dollar Preisgeld. Eine Public-Private-Partnership, genannt „Fusion“, hat sie ausgewählt. „Fusion“ will die zehn Probanden im Blick behalten und das Gegenteil beweisen, nämlich dass niemand mehr vor den Überwachern sicher ist.

Zuerst ist man geneigt, den Roman „Going Zero“ als dystopische Schilderung einer hoffentlich nie kommenden Zeit zu lesen. Aber dann melden sich Erinnerungen daran, wie selbst Mark Zuckerberg die Kamera seines Laptops abklebte. Denn es war 2016 herausgekommen, dass der amerikanische Geheimdienst sie in eine Bild-Ton-Wanze verwandeln kann.

Erinnerungen aber auch daran, dass Facebook 2018 87 Millionen Profile an die von Rechtsaußen Steve Bannon gegründete Politikberatungsfirma Cambridge Analytica verkauft hatte.  

Anthony McCartens Thriller „Going Zero“ spielt also in der Gegenwart. Die Kontrahenten sind: Zehn Gejagte, die versuchen, dem Gespinst von Überwachungsdaten aus Kameras, Geodaten, social-media-posts, Kreditkarteninformationen, Verhaltensmusteranalysen durch künstliche Intelligenz und Drohnen zu entkommen - einerseits.

Sie treten an gegen die Jäger in Gestalt der Firma „Fusion“, einer fiktiven Kooperation des real existierenden US-Geheimdiensts mit dem ebenfalls fiktiven Internetmulti „World Share“. Dessen Chef Cy Baxter kann seinen Erfolg kaum abwarten. Er duldet nicht, dass jemand sich seinen Wünschen widersetzt, seinen Wünschen nach Kontrolle.

Die Kindheit der Figur Cy Baxter skizziert Anthony McCarten ein wenig schlicht. Sie erinnert an Elon Musk: Niemand konnte ihn leiden. Deshalb müssen heute alle nach seiner Pfeife tanzen. Cy Baxter erinnert aber auch an Marc Zuckerberg, denn die umgängliche Partnerin an seiner Seite trägt Züge von Sheryl Sandberg. Was den Schluss zulässt, dass Anthony McCarten auch in diesem Roman seiner Vorliebe für fiktionalisierte Biografien folgt.

Früher nahmen die Menschen Überwachung noch als Gefängnis wahr, ist Cy Baxter überzeugt. Inzwischen aber herrschten andere Verhältnisse.

„Die Menschen sind so unglaublich einsam, dass sie ihre Privatsphäre mit Handkuss aufgeben“,

belehrt er eine der Gejagten.

„Und wissen Sie auch warum? Weil sie danach lechzen, bekannt zu sein, beobachtet zu werden. Weil beobachtet zu werden ... das fühlt sich ein klein wenig so an wie geliebt zu werden.“

Dies ist ohne Zweifel eine kluge Analyse. Aber eigentlich ist sie der Figur Cy Baxter gar nicht zuzutrauen, weil es für ihn nichts Abstoßenderes gibt als Nähe und Liebe. Weiß er denn, was mit diesem Wort gemeint sein könnte? Er will herrschen. So versucht er auch, die Leute vom Geheimdienst zu seinen Juniorpartnern zu machen.  

Das gelingt ihm auch - bis kurz vor Schluss. „Überwachung ist das Geschäftsmodell des Internets“, heißt es. Vom Neid der Geheimdienste auf jenes erfolgreiche Geschäftsmodell handelt dieser fast blutbadfreie, spannende Thriller.

Stand
Autor/in
Brigitte Neumann