Warum finden wir manche Menschen attraktiv und andere gar nicht? Das hat die Forschung bis heute nicht abschließend geklärt. Manchmal kann es auch eine Kleinigkeit sein, die einen erst vielversprechenden romantischen Partner plötzlich absolut unattraktiv erscheinen lassen – ein sogenannter "ick".
Austausch über "icks" ist ein Trend in sozialen Medien
In den sozialen Medien, vor allem auf den Videoplattformen TikTok und Instagram gibt es jede Menge Videos mit Aufrufen im Millionenbereich und tausenden zustimmenden Kommentaren, in denen vor allem junge Frauen von “icks” berichten. Der aus dem Englischen stammende Begriff lässt als "Igitt", “Ekel” oder “Abtörner” übersetzen.
Welche Funktion erfüllen Sie bei unserer Partner-Auswahl? Forschende aus Kalifornien haben sich das Phänomen nun genauer angesehen und die 100 beliebtesten Videos analysiert. Mit dem Ergebnis: Meist ist es nicht das Aussehen, sondern sind es bestimmte Verhaltensweisen, die negativ aufstoßen.
Frauen nennen zum Beispiel: Er hat seinen Kopf auf meine Schulter gelegt, er hat Jeans-Shorts getragen, er hat gesagt “wow, ohne mich” – jedes Mal, wenn ich etwas ohne ihn gemacht habe.
Aber nicht nur Frauen erzählen von ihren Abtörnern. Männer nennen in den Videos am häufigsten: Wenn sie zu sehr auf Astrologie steht, Mädelstrips, wenn sie sehr “coole” Sprache benutzt.
"Icks" können der Grund für eine Trennung sein
Natürlich gibt es kritische Stimmen, die das Bild von Männlichkeit, Weiblichkeit und Beziehung hinterfragen, das hinter solchen “Abtörnern” oder “Ekelmomenten” steckt.
Kategorisieren lassen sich die häufigsten “ick-Momente” laut Analyse in öffentliche Fremdscham, vermeintlich unmännliches und unweibliches Verhalten, übermäßiges Trendbewusstsein oder die Art, wie das Gegenüber spricht.
In einer an die Analyse anschließenden Befragung von 125 Singles zwischen 24 und 72 Jahren gaben etwa zwei Drittel an, dass ein plötzlicher “ick” sogar mit ein Grund für das Ende einer Beziehung war.

Ekel als Schutzmechanismus auch bei der Partnerwahl
Doch sind "icks” nur angeblich unattraktive Verhaltensweisen, die wir gesellschaftlich oder medial gelernt haben, oder haben sie einen zielführenden Nutzen?
Ursprünglich von unserem Körper zum Schutz vor Krankheiten oder verdorbenen Lebensmitteln eingesetzt, ist Ekel auch sozial erlernt, auch gegenüber unerwünschten Verhaltensweisen und regelt die Partnerwahl und das Sozialverhalten mit, sagt Anna-Lena Jonietz, Psychologin in Heidelberg:
"Da Ekel eine Schutzfunktion hat, spielt er natürlich auch eine Rolle bei der Partnerwahl und kann erstmal ein Hinweis darauf sein, dass jemand nicht der passende Partner ist. Es kann auch super unterbewusst sein, dass jemand bestimmte Werte und Normen nicht so erfüllt, Verhaltensweisen, die als sozial unangemessen gelten oder vielleicht auch unmoralisch sind."
Psychologie Ekel – Wenn die Abscheu Körper und Denken beherrscht
Ekel ist eine uralte Emotion, die uns ursprünglich vor Keimen schützen sollte. Wovor wir uns ekeln beeinflusst aber noch viel mehr: Vom sozialen Miteinander bis zur politischen Gesinnung.
Bestehende Forschung legt nahe, dass unsere Wahrnehmung sehr sensibel auf Hinweise auf Verhalten reagiert, das ein Risiko für uns in einer Beziehung sein könnte – wie Aggressionsprobleme, Untreue oder mangelnde Hygiene.
Und Ekel schlägt vielleicht lieber einmal zu oft zu: Laut Fehlermanagementtheorie wäre es bei der Partnerwahl folgenschwerer, mit mehr Zeitinvest und potenzieller Gefahr für Leib und Psyche verbunden, einen inkompatiblen Partner zu akzeptieren, als einen kompatiblen Partner zu viel abzulehnen.
Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale können Empfinden von Abtörnern begünstigen
Doch "icks" könnten ihren Ursprung auch in den kritischen Partnern selbst finden. Das kalifornische Forschungsteam fand Hinweise darauf, dass Menschen, die sowieso häufiger Ekel empfinden, auch eher “icks” gegenüber einem Partner erleben.
Und auch Persönlichkeitsmerkmale, die mit unangemessen hohen Standards für romantische Partner zusammenhängen, könnten ausschlaggebend sein.

Studienteilnehmende, die angaben, eher perfektionistisch zu sein und entsprechend übermäßig hohe Ansprüche an Partner stellen, berichteten von intensiveren und häufigeren “ick”-Erlebnissen.
"Es geht um beide Seiten, also, dass man selbst den Anspruch an sich hat, perfekt zu sein, bzw. sich vielleicht auch so sieht und dementsprechend die Ansprüche auf andere Menschen projiziert, bzw. von anderen Menschen erwartet, diesen Ansprüchen zu genügen und abwertet, wenn andere Menschen diesem Anspruch nicht genügen", erklärt Anna-Lena Jonietz.
Maßstäbe für Attraktivität auch immer medial und gesellschaftlich mitgeprägt
Die Untersuchung ist sicherlich nicht uneingeschränkt verallgemeinerbar, dennoch ist sie eine der ersten, die das soziale und mediale Phänomen von sogenannten “icks” untersucht hat:
"Wie man das in den sozialen Medien sieht, sind das schon sehr hohe Ansprüche, die da gelten, dass von kleinen Dingen darauf geschlossen wird, dass die Person auf jeden Fall nicht in Frage kommt. Klar ist es wichtig, dann zu hinterfragen, mit was diese Ansprüche zusammenhängen", So Anna-Lena Jonietz.
Und die kalifornische Untersuchung zeigt erneut, wie sehr das, was wir an anderen attraktiv oder unattraktiv finden, auch immer medial und gesellschaftlich mitgeprägt ist.