Mit einem Blutdruckmessgerät betritt Marcella Antunes das Zimmer eines Patienten auf einer Station der Kardiologie an der Unimedizin Mainz. Die 36-jährige Brasilianerin ist seit fast zwei Jahren in Mainz. "Hallo, ich bin Marcella Antunes, wie geht es Ihnen?", spricht sie den Patienten an. Dann legt sie ihm die Manschette zum Blutdruckmessen um.
Kaum Jobs für Pflegekräfte in Brasilien
In Brasilien ist es für Pflegekräfte schwierig, gute Jobs zu bekommen, erzählt Marcella Antunes. Sie kommt aus Rio de Janeiro. Dort sei das Leben außerdem so teuer, dass jeder eigentlich zwei Jobs brauche, um über die Runden zu kommen.
Von einer früheren Kollegin erfuhr sie von der Möglichkeit, in Deutschland zu arbeiten. "Und es war schon immer mein Wunsch, mal im Ausland zu leben, deshalb habe ich die Chance ergriffen", erzählt die 36-Jährige.
Von Anfang an habe sie auf die Hilfe ihrer deutschen Kolleginnen und Kollegen setzen können, erzählt sie. Alle hätten ihr beim Eingewöhnen geholfen und sie immer unterstützt, auch beim Lernen der Sprache.
An einiges musste sie sich anfangs erst gewöhnen, so habe ihr die Sonne zu schaffen gemacht. Davon gab es aber nicht etwa zu wenig - sondern eher zu viel. "Ich kam im Juni an und es wurde abends nicht dunkel, ich konnte nicht einschlafen", sagt Marcella Antunes lachend. In Brasilien gehe die Sonne gegen 19:30 Uhr unter.
An das deutsche Essen musste sie sich hingegen nicht gewöhnen, das schmeckte ihr direkt.
Ich liebe Schweinshaxe, Schnitzel und das ganze Essen vom Weihnachtsmarkt.
Programm zur Personalgewinnung der Bundesagentur für Arbeit
Dass die 36-Jährige jetzt an der Mainzer Unimedizin einen Job gefunden hat, ist einem Programm der Agentur für Arbeit zu verdanken. Über solche Programme werden Menschen in Ländern, mit denen Deutschland entsprechende Abkommen hat, angeworben. Im vergangenen Jahr sind nach Angaben der Mainzer Arbeitsagentur so 224 ausländische Pflegekräfte nach Rheinhessen gekommen, um hier Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen zu verstärken. Mittlerweile seien 20 Prozent aller Fachkräfte, die in der Pflege arbeiteten, aus dem Ausland.
Fachkräftemangel: Ausstieg der Babyboomer reißt große Lücken
An der Unimedizin befinden sich gerade wieder 37 neu angeworbene Fachkräfte aus Tunesien und Indien in einem Anerkennungsverfahren. Vier von ihnen arbeiten wie Marcella Antunes im Zentrum für Kardiologie.
Fachkräftemangel Zu wenig Pflegekräfte: Mainzer Unimedizin verschiebt planbare Eingriffe
Patientinnen und Patienten der Mainzer Universitätsmedizin müssen derzeit länger auf Termine bei planbaren Operationen warten. Die Klinik begründet dies damit, dass es zu wenig Pflegekräfte gebe.
Ohne die Fachkräfte aus dem Ausland könnten die vielen offenen Stellen nicht mehr besetzt werden, sagt Gabriele Maas, die Pflegedienstleitung im Zentrum für Kardiologie. Der Fachkräftemangel in der Pflege werde jetzt noch dadurch verschärft, dass viele Babyboomer in den kommenden Jahren in Rente gingen.
Ohne die ausländischen Pflegekräfte würden wir es nicht mehr schaffen.
Pflege-Bachelor und zwei Spezialisierungen
Menschlich wie fachlich stellten die Kolleginnen und Kollegen aus Brasilien, Indien oder Tunesien eine große Bereicherung dar, sagt Gabriele Maas. In vielen anderen Ländern erlerne man den Beruf der Pflegefachkraft an der Universität. "Die Krankenpfleger aus dem Ausland bringen großes Fachwissen mit", sagt Maas. Auch Marcella Antunes hat in Brasilien an einer Uni einen Bachelor gemacht und zwei weitere Spezialisierungen absolviert.
Mainz ist jetzt ihr Zuhause
"Sind Sie ein bisschen aufgeregt?", fragt Marcella Antunes ihren Patienten. "Ihr Blutdruck ist etwas hoch." Nach ein wenig Smalltalk verabschiedet sie sich. "Wir sehen uns später." Im Februar fliegt sie zum ersten Mal wieder nach Brasilien, seitdem sie in Deutschland lebt. "Ich freue mich drauf, meine Familie und Freunde zu sehen. Aber dann komme ich wieder zurück nach Mainz, nach Hause."