Bestatterinnen, Pfarrer, Ärztinnen, Pflegekräfte - für viele Menschen gehören das Sterben und der Tod zum Beruf. Und für uns alle gehört es zum Leben dazu. Wer das Lebensende in vertrauter Umgebung zu Hause verbringen will, kann Hilfe von Palliativbegleitern erhalten.
Einen besonderen Palliativdienst gibt es im Kreis Tübingen - das Tübinger Projekt. Dessen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben oft mehr Zeit, als es bei anderen Palliativdiensten üblich ist. Sechs Palliativmedizinerinnen und -mediziner sowie elf Pflegekräfte betreuen Schwerkranke und Sterbende im ganzen Kreis Tübingen zu Hause.
Zeit für Kranke und Angehörige
Peter Roth aus Rottenburg hat vor vier Jahren seine jüngste Tochter verloren. Sie war damals Anfang 30 und todkrank. Der ambulante Palliativdienst im Kreis Tübingen betreute die junge Frau fast ein halbes Jahr lang. Und die ganze Familie Roth. Denn nicht nur die Kranken brauchen viel Zuwendung - auch ihre Angehörigen.
Normalerweise ist die Arbeit mobiler Palliativdienste streng getaktet. Nur so können sie wirtschaftlich arbeiten. Denn Krankenkassen bezahlen nur eine bestimmte Summe für die Hausbesuche - wenn Pflegekräfte länger bleiben, macht der Palliativdienst Verlust. Beim Tübinger Projekt ist das anders. Denn der Dienst hat einen eigenen Förderverein, der diese zusätzliche Zeit finanziert.
Verlust der Tochter war der Anstoß
Rentner Peter Roth ist der erste Vorsitzende dieses Fördervereins. Seine Erfahrungen während der Begleitung seiner Tochter haben ihn motiviert, sich im Verein zu engagieren.
Inzwischen hat der Förderverein über 600 zahlende Mitglieder. Roth betont: "Alle Einnahmen des Vereins fließen in das Tübinger Projekt." Auch Spenden, die beispielsweise aus Aufrufen in Traueranzeigen stammen. Denn immer öfter bitten Hinterbliebene um Spenden statt Blumen.
30-jähriges Jubiläum des Fördervereins Tübinger Projekt
Im Jahr 2024 feiert der Förderverein 30-jähriges Jubiläum. Der Palliativdienst selbst ist sogar noch ein klein wenig älter. Beide gehören zu den ältesten ihrer Art in Deutschland, vermutet Peter Roth. Sie sind damit auch eine Art Vorbild für andere mobile Palliativdienste in Deutschland. Sowohl was die Versorgung der Kranken und ihrer Angehörigen betrifft als auch was die Arbeit der Beschäftigten angeht.
Ärztin: Zeit und Ruhe für Patienten
Bei der Arbeit zu wenig Zeit zu haben, bei der Versorgung auf die Uhr schauen zu müssen - das kann sich Medizinerin Christina Paul nicht vorstellen. Sie ist die leitende Ärztin des Tübinger Projekts. Sie hat das Gefühl, dass der Förderverein ihr "den Rücken freihält".
Diese Ruhe, die durch das Mehr an Zeit entsteht, schaffte für Peter Roth ein Vertrauensverhältnis zu den Ärzten und Pflegern, die seine sterbende Tochter und seine Familie begleiteten. Die Pflegekräfte und Ärztinnen konnten sich mit seiner Tochter auch mal in Ruhe unterhalten, erinnert er sich.
Bei den Gesprächen ging es nicht immer um die Krankheit, sondern auch mal um die Hobbys der Sterbenden oder um Dinge, die die Pflegekräfte von sich erzählten. Auch Ärztin Christina Paul hat Roths Tochter damals begleitet. Sie habe auch mal bei der Familie angerufen und gefragt, wie es geht. "Sowas tut einfach gut," findet Peter Roth.
Hilfe in schwieriger Zeit
Das Tübinger Projekt hat Peter Roth in einer schwierigen Zeit geholfen. Diese Möglichkeit sollen auch andere Menschen im Kreis Tübingen haben. Dafür setzt er sich im Förderverein Tübinger Projekt ein. Um "ethisch gutes Betreuen möglich zu machen," fasst Ärztin Paul zusammen.