Musik

Mines neues Album „Baum“ – Zurückschauen und Weiterwachsen

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Autor/in
Kristine Harthauer
Kristine Harthauer, SWR Kultur Autorin und Moderatorin

Fest verwurzelt sein, musikalisch aber breit verästelt – das ist Mines neues Album „Baum“. Die gebürtige Stuttgarterin singt und schreibt ihre Songs selbst. Und sie kümmert sich um den Sound und arrangiert die Musik nicht nur für ihre Band, sondern auch gerne mal für ein Orchester oder für einen Chor. In ihrem fünften Soloalbum schaut sie zurück als toxische Beziehungen und depressive Phasen. Und sie wagt musikalisch wieder viel Neues. Denn in den fünfzehn Titel treffen Knabenchor und Elektropop aufeinander.

Die Verästelungen des Baums – ein schönes Bild

Der Baum, er hat es Mine angetan. Auf dem Cover wächst ein knorriger Baum sogar aus Mines Kopf, kleine orangefarbene Blätter inklusive. Wer da an Waldsterben und deutsche Eiche denkt, liegt bei Mine falsch. Ihr geht es um das Gefühl, verwurzelt zu sein – im Leben. 

Ich bin so alt, ich bin ein Baum.
Ich gieß mich selbst, denn ich bin schlau.
Werde geboren und werde dann groß.
Lerne zu leben und dann bin ich tot.

„Wenn man von der politischen Situation absieht, die sehr bedrückend ist und uns allen sicher Angst macht, geht es mir privat einfach sehr gut“, sagt Mine. „Und ich fühle mich privat sehr feststehend im Leben. Das habe ich vorher nie so gefühlt. Und gleichzeitig habe ich so verschiedene Sachen an Musik inhaliert in den letzten Jahren und habe so viele verschiedene Genres in das Album reinbringen wollen, dass ich die Verästelungen auch ein schönes Bild fand.“

Zum ersten Mal thematisiert Mine den Tod ihrer Mutter

Verästelt sind die 15 Songs nicht nur in ihrer musikalischen Vielfalt. Auch in den Texten geht es Mine um die großen Lebensthemen: Toxische Beziehungen, Ideenklau im Musik-Business, fehlende Selbstliebe.

Zum ersten Mal thematisiert Mine auch offen den Tod ihrer Mutter. „Staub“ heißt das Lied, schlichte Worte, geraderaus und ausdrucksstark gesungen, so klingt Mines Trauer.

Mama, jetzt bist du Staub.
Ich wünscht ich hätt’ an irgendwas geglaubt.
Doch ich bin Realist.
Ich glaube an nichts

An nichts glauben, nicht mal mehr ans eigene Leben. Mine, über deren Privatleben man nicht viel weiß, zeigt sich so offen wie nie, singt sogar über Selbstmordgedanken. „Also ich muss zugeben, dass ich noch nie privat darüber gesprochen habe. Nicht mal in Therapie“, sagt sie jetzt. 

Ein Song über das Staunen darüber, noch hier zu sein

Ich hing an meinen Leben so sehr.
Ich hatte keinen Mut zu gehen.
Ich wär‘ nur lieber gegang’.
Doch ich bin weiter gerannt.

„Weiter gerannt“ – ein intimer Song, auch ein Song über das Staunen, doch noch hier zu sein.

Dinge, die sie sonst nicht besprechen konnte, habe sie bisher mit Musik sehr gut auflösen konnte, erzählt sie. „Und das ist voll das krasse Geschenk, das ist meine Strategie mein Leben lang. Aber wie wichtig ist es auch, dass Leute sich nicht allein fühlen mit diesem Thema. Das ist halt auch das, was Veröffentlichungen können, was Kunst kann.“

Mines Musik transportiert Lebenslust

Perlend, durchsetzt von hellen, leuchtenden Klängen, von Streichern und punktgenauen Beats, transportiert Mines Musik – so kitschig es klingt – Lebenslust.

Dass das Ganze nicht überzuckert, liegt daran, wie emotionale Balladen und überschwänglicher Elektropop auf „Baum“ sich verästeln. Und als Komponistin weiß Mine genau, dass es bei so viel schwerem Ballast auch mal Atempausen braucht. Für die sorgen kurze Song-Intros, gesungen unter anderem vom Herrenchor ffortissibros in „Danke gut“.

Die Vielfalt wird nicht zum Gestrüpp, das Album trägt – und das liegt an Mines an Jazzgesang geschulter Stimme: Sie rappt, vibriert, erklimmt Höhen und Tiefen. Kurz: Sie wächst über sich hinaus, macht sich von Pop-Konventionen frei und feiert sich und das Leben.

Mine bei „Erklär mir Pop“

Erklär mir Pop Extra mit MINE und Udo: Grandmaster Flash & The Furios Five mit „The Message“

Angeblich war es eine Idee der Plattenfirma, die gesagt hat: „Hey, erzählt doch mal was aus eurem Leben, vom Ghetto!“ Joseph Saddler alias DJ Grandmaster Flash soll die Nummer zuerst nicht besonders gemocht haben. Zuviel Sozialkritik. Zu wenig Party. Die Plattenfirma veröffentlichte „The Message“ trotzdem. Eine zukunftsweisende Entscheidung, denn die von Rapper Melle Mel geschriebenen Verse machten HipHop erstmals zum Sprachrohr wütender Kids. Diejenigen, denen das System ansonsten kaum Chancen bietet, haben nur noch das gerappte Wort als Waffe. Die Single „The Message" gilt für viele als wichtigste und einflussreichste Single des HipHops. Ein Erfolg, der auch auf einer damals noch ganz neuen Technik beruht, dem DJing, bei dem verschiedene Musiktitel und Sounds neu zusammengemixt werden.
„Punch Phrasing“, das abrupte Abspielen eines Songs auf einem Plattenteller, während eine andere Platte weiterläuft, und „Break Spinning“, das abwechselnde Vor- und Zurückbewegen beider Platten, um dieselbe Stelle immer wieder laufen zu lassen - das sind Errungenschaften, die die Musikwelt DJ Grandmaster Flash zu verdanken hat.
Noch mehr Wissen, rund um herausragende Songs der Popmusikgeschichte, gibt es in dem Podcast „Erklär mir Pop extra – mit MINE und Udo“. Die Berliner Sängerin MINE und Musikexperte Udo Dahmen von der Popakademie in Mannheim, bringen abwechselnd Lieblingshits mit und stellen sie, angereichert mit persönlichen Geschichten, vor.
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