Die Bundesregierung hatte den Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung in Grundschulen beschlossen. Diese Anspruch besteht ab dem Schuljahr 2026/2027 - und zwar zunächst für die ersten Klassen. Später wird der Betreuungsanspruch auf die anderen Klassenstufen ausgedehnt. Die Schulträger müssen aber bereits jetzt wissen, in welcher Form die Betreuung gewünscht ist und was die Schulen dafür brauchen.
Die meisten Eltern wollen keine verpflichtende Ganztagsschule
In der Stadt Mainz gibt es 22 staatliche Grundschulen. Neun davon sind bereits Ganztagsschulen. Die 13 anderen mussten sich entscheiden, in welcher Form die Kinder künftig den ganzen Tag betreut werden sollen: als Ganztagsschule mit pädagogischer Betreuung am Nachmittag oder in Form einer fördernden Betreuung außerhalb des schulischen Rahmens.
Nachmittagsbetreuung kostet Millionen
Nach Angaben der Stadt Mainz haben sich alle 13 Schulen gegen die Ganztagslösung und für die flexiblere Ganztagsförderung ausgesprochen. Entsprechend mussten der Bedarf an Betreuung, aber auch an Räumlichkeiten oder Neubauten an die Stadt gemeldet werden. Demnach stehen zum 31. März nun zumindest Schätzungen auf dem Papier. So rechnet die Stadt mit zusätzlichen Ausgaben von über 11 Millionen Euro jährlich, um die Betreuung der Grundschüler sicherzustellen.

Eltern müssen wohl sehr viel mehr zahlen
Die Stadt muss nun Mensen einrichten oder Übergangslösungen für die Verpflegung der Schülerinnen und Schüler finden. Dazu kommt nun auch die Suche nach Fachpersonal, ehrenamtlichen Kräften oder auch Trägervereinen wie die Arbeiterwohlfahrt oder die Caritas, die die Nachmittagsbetreuung übernehmen könnten. Hätten sich die Schulen für die Form einer Ganztagsschule entschieden, hätte das Land die Kosten übernommen. So aber werden wahrscheinlich höhere Elternbeiträge die Betreuungskosten abfedern müssen.

Lehrerkollegium lehnt Ganztagsschule ab
In zumindest einer Mainzer Grundschule allerdings war eine Mehrheit der Eltern für die Einführung einer Ganztagsschule - nämlich an der Pestalozzi-Grundschule im Mainzer Stadtteil Mombach. Allerdings haben sich die Lehrer dort gegen dieses Modell ausgesprochen. Warum, das ist schwer zu beurteilen, weil sowohl die Schulleitung als auch der Schulträger zu den Gründen schweigen. Eli Lissen, Mutter und Vorsitzende des Fördervereins der Schule, kann deshalb nur spekulieren: "Ich vermute, da gibt es Ängste, wenn eine Schule ein komplettes Konzept ändern muss. Da geht es um genug Räumlichkeiten, wo können die Kinder essen oder gemeinsam spielen."
Für Eli Lissen ist aber klar, dass gerade in Mainz-Mombach eine verpflichtende Ganztagsgrundschule wichtig wäre: "Wir haben hier viele Familien mit geringem Einkommen. Die können sich die Beiträge für eine Nachmittagsbetreuung nicht leisten, besonders wenn mehrere Kinder in der Familie sind." Außerdem wären alle Kinder auf dem gleichen Stand, wenn sie gemeinsam bis zum Nachmittag betreut würden - Thema Bildungsgerechtigkeit.
Bildungsministerium will bei Pestalozzischule vermitteln
Das Bildungsministerium ist inzwischen auf den Fall Pestalozzi-Schule aufmerksam geworden. Von dort ist Hilfe angeboten worden. Experten wollen mit der Schulleitung und dem Kollegium sprechen und versuchen, Ängste zu nehmen. Auch die Stadt Mainz hat Gespräche angeboten. Laut Ministerium soll im Mai noch einmal in der Mombacher Grundschule abgestimmt werden, vielleicht dann mit einem anderen Ergebnis.

Ganztagsbetreuung in Mainz-Bingen häufig Standard
Natürlich gilt der Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung der Grundschüler nicht nur in der Stadt, sondern auch in den Landkreisen. Allerdings scheint man dort vielerorts deutlich weiter zu sein, als in der Stadt. Beispiel: die Verbandsgemeinde Rhein-Selz. Dort gibt es acht Grundschulen, sechs davon sind bereits Ganztagsschulen, die beiden anderen haben eine Nachmittagsbetreuung seit Jahren etabliert. Räumlich sei man einigermaßen vorbereitet, so die zuständige Beigeordnete der VG, Jutta Hoff. "Aber bislang sind maximal 30 bis 40 Prozent der Grundschüler in einer Nachmittagsbetreuung. Jetzt aber müssen wir mit bis zu 80 Prozent rechnen, aber ohne zu wissen, ob das auch so kommt."
Suche nach Personal wird schwierig
Ähnliches gilt zum Beispiel auch für die VG Gau-Algesheim. Die Verbandsgemeinde ist für vier Grundschulen verantwortlich, die alle eine Nachmittagsbetreuung anbieten. Entsprechend gibt es Mensen und ausreichend Räume in den Einrichtungen. Bezahlt wird das Ganze bislang von der Verbandsgemeinde und über Elternbeiträge.
Dennoch kommen auch auf die Verbandsgemeinden höhere Kosten zu, denn der Rechtsanspruch auf Betreuung gilt auch in den Ferien. "Wir müssen jetzt also Personal für die Ferien finden, das entsprechend bezahlt werden muss. Aber wir müssen auch die Verträge mit den Hausmeistern und den Reinigungsfirmen entsprechend ändern", sagt Benno Neuhaus, VG-Bürgermeister in Gau-Algesheim.
Kommen Bundesmittel in den Kommunen an?
Er geht von Mehrkosten von mehreren Hundertausend Euro aus. "Das wird die Elternbeiträge erheblich steigen lassen." Vor allem, weil die staatlichen Zuschüsse noch völlig unklar seien. "Aus dem Bundesministerium heißt es: 2,5 Milliarden Euro gibt es von 2026 bis 2029, danach 1,4 Milliarden jährlich. Bislang gibt es aber noch kein Signal des Landes Rheinland-Pfalz, ob etwas von diesem Geld bei uns ankommt", beschreibt Neuhaus die Situation. Denn zunächst werde das Land die Fördermittel für die reinen Ganztagsschulen ausgeben, denn dafür sei das Land ja auch zuständig. "Die freiwillige Nachmittagsbetreuung könnte an den örtlichen Schulträgern hängen bleiben", so Neuhaus.