Zeitwort

06.03.1981: Marianne Bachmeier übt Selbstjustiz

Stand
Autor/in
Rudolf Linßen

Es war ein Ereignis, das durch alle Medien ging, an den Stammtischen der Bundesrepublik diskutiert wurde, und Spielfilme genauso wie Dokumentarfilme nach sich zog, sowie etliche Bücher.

Sechs Schüsse treffen im Gerichtssaal den Mörder ihrer Tochter

Es ist der dritte Tag in dem Prozess gegen Klaus Grabowski, angeklagt wegen Mordes an der siebenjährigen Anna Bachmeier. Laut Anklage hat Grabowski Anne vergewaltigt und erdrosselt. Grabowski ist wegen Kindesmissbrauchs vorbestraft. Es ist der 6. März 1981. Annas Mutter, Marianne Bachmeier sitzt im Zuschauerraum des Lübecker Landgerichts – und zieht eine Pistole, sieben Mal drückt sie ab, sechs Schüsse treffen Grabowski in den Rücken. Er ist sofort tot.

Sie habe gar nicht zum Prozess gewollt, sagte Marianne Bachmeier später, aber man habe ihr mit Beugehaft gedroht, wenn sie nicht erschiene, um über den Charakter ihrer Tochter auszusagen.  

Marianne Bachmeier - eine verzweifelte Mutter oder eine eiskalte Frau?

Nach der Tat wurde sie immer wieder gefragt, ob sie bereue. „Nein, überhaupt nicht“, sagte sie in einem Interview Jahre später. „Sie verlangen ein bisschen viel von mir, dass es mir leid tut, dass der Mörder meiner Tochter tot ist.“

Sie selbst sagte, es sei nicht geplant gewesen, es sei einfach passiert. War Marianne Bachmeier eine verzweifelte Mutter oder eine eiskalte Frau? So wird diese Tat zugespitzt. Das Gericht verurteilte sie zu sechs Jahren wegen Totschlags. Verbüßt hat sie 24 Monate. Im Gefängnis erhielt sie Blumen und Briefe zuhauf.

„Der größte Teil der Briefe ist großer Horror für mich“, erinnerte sich Marianne Bachmeier. „Mir wurde zum Beispiel oftmals geschrieben: ‚Sie haben den viel zu gnädig umgebracht, ich hätte dem ja noch dies und jenes...‘. Und da muss ich ehrlich sagen, in den Köpfen der Leute geht sehr viel Grausames um.“

Stoff für Spielfilme und Dokumentationen

Die einen wollten, dass sie bereute, die anderen sahen in ihr den Racheengel. Die Boulevardpresse bemächtigte sich ihrer und schlachtete den Fall aus. Marianne Bachmeier wurde von Reportern nach ihrer Freilassung immer wieder belagert. Der Fall lieferte Stoff für Spielfilme und Dokumentationen.

Erregt hat der Fall Bachmeier die Öffentlichkeit, weil eine Mutter den Mörder ihres Kindes im Gerichtssaal erschoss. Damit tat Marianne Bachmeier etwas zutiefst Archaisches: Sie nahm Rache, machte kurzen Prozess und verhinderte damit, dass über die Tat vor Gericht geredet wurde, die Umstände geklärt, die Schuld des Angeklagten festgelegt, ein Urteil gesprochen und öffentlich verkündet wurde. Kurzer Prozess heißt schweigen statt reden, tarnen statt klären, hinrichten statt Schuld wiegen.

Die Boulevardpresse wurde sie nicht mehr los

Aus dem Gefängnis wurde Marianne Bachmeier nach zwei Jahren entlassen, die Boulevardpresse wurde sie nicht mehr los. Nach der Entlassung heiratete sie einen Afrikaner und lebte in Nigeria, nach der Scheidung zog sie nach Palermo und arbeitete als Pflegerin in einem Sterbehospiz. Sie litt unheilbar an Krebs und starb am 17. September 1996 im Alter von 46 Jahren. In Lübeck wurde sie begraben – neben ihrer Tochter Anna, die zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt gewesen wäre.

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