Gesundheitlicher Nutzen nicht nachgewiesen

Infusionstherapie: teure Vitamine mit Risikofaktor

Stand
Autor/in
Clara Ehrmann
Stefan Warbeck / FYI - Unsere Recherche, Dein Vorteil rbb, 08.01.2025
Onlinefassung
Emma Challouf

Nadel rein - für schönere Haut oder innere Ausgeglichenheit. Eine Infusionstherapie ohne medizinische Indikation, dafür mit hohen Kosten: nur dubios - oder schon gefährlich?

Drip Bars: Vitamininfusion - sinnvoll oder riskant? 💉| FYI – unsere Recherche, Dein Vorteil rbb

Ein starkes Immunsystem, Energie, Leistungsfähigkeit, Zellgesundheit, Anti-Aging-Wirkung oder auch einfach nur kein Kater - all diese Versprechen sollen Infusionstherapien einlösen. Hier werden hoch dosierte Vitamine und Mineralstoffe per Infusion direkt ins Blut getröpfelt.

Die Infusionen werden nicht im Krankenhaus gelegt, sondern in sogenannten Drip-Bars, also Wellness-Centern, die es mittlerweile in allen großen deutschen Städten gibt. Oder zuhause, wenn man es entsprechend bucht.

Die Infusionstherapien können bis zu 500 Euro kosten. Aber welche Wirkung kann man damit erreichen? Und wie seriös sind die Anbieter?

Vitamin-C-Komplex, Vitamin B, Magnesium, Phenylalanin für 150 Euro

Kathrin Gallus ist Heilpraktikerin und betreibt in Berlin ein Kosmetikinstitut, in dem sie auch Infusionen anbietet. Schönheit, Gesundheit, aber auch psychische Ausgeglichenheit stehen dabei im Vordergrund. Für letzere soll etwa das Produkt „Psychstabil“ sorgen. Unter anderem drin enthalten: Vitamin-C-Komplex, Vitamin B, Magnesium, Phenylalanin - eine Serotonin-Vorstufe.

Gallus ist wichtig, klarzustellen, dass die Infusionen keine Krankheiten heilen können. „Wenn wir die Infusionen legen, dann wenden wir die zur Prävention an. Da sollten wir natürlich am gesunden Menschen arbeiten und nicht am kranken.“ Die Kosten für die Psychstabil-Infusion liegen bei 150 Euro.

Monika Trendelenburg ist Suchtbeauftragte bei der Ärztekammer Berlin und Oberärztin der Psychiatrie am Vivantes Klinikum Berlin Neukölln. Für sie spielt bei den Vitamin-Infusionen der Placebo-Effekt eine Rolle - schon die Erwartung der Wirkung sei die Wirkung. „Ich habe mir jetzt was Gutes getan, dafür habe ich auch Geld gezahlt. Das ist, glaube ich, auch noch wichtig, dass es nicht eine Kassenleistung ist, sondern, dass es eine extra Leistung ist, die ich mir gönne.“ Dieses Gesamtpaket könne schon dazu führen, dass man sich nachher besser fühlt.

Darüber hinaus gelte: Wenn die Speicher im Körper nicht ganz voll seien, könnten die Wirkstoffe teilweise aufgenommen werden - der Rest werde ausgeschieden.

Darf die Infusionstherapie eine „heilende Kraft“ haben?

Die Vitamin-Infusionen werden auf Kathrin Gallus Webseite mit starken Claims beworben, zum Beispiel „Entdecke die heilende Kraft unserer PsychStabil-Infusion“.

Susanne Punsmann, Anwältin bei der Verbraucherzentrale NRW, kommt nach einer Prüfung der Website zu der Einschätzung: „Da sieht man auf den ersten Blick: Da ist viel zu finden, was unzulässig ist.“ Eine spezielle Regelung für Health Claims bei Infusionen gebe es zwar nicht, es gelte aber in der Regel die Verordnung für Lebensmittel.

„Beteiligt am mitochondrialen Energiestoffwechsel und unterstützen den kardialen Energiestoffwechsel sowie die Funktion von Nerven- und Muskelzellen“ - bei solchen Aussagen gehe Punsmann davon aus, dass das deutlich überzogen ist. Hier müsse man schauen, welche Aussagen tatsächlich unzulässig seien.

Generell gilt, dass Werbung keine Vorbeugung oder Heilung von Krankheiten versprechen darf. Auf Nachfrage antwortet Gallus, dass die Texte auf ihrer Webseite mittlerweile entsprechend geändert wurden.

Qualifikation und Hygiene: Infusionen nur unter diesen Voraussetzungen

Das Legen einer Infusion gehört laut Heilpraktikergesetz zur Heilkunde; die Ausübung dieser ist Ärztinnen und Ärzten sowie Heilpraktikern vorbehalten. Allerdings gilt laut Bundesärztekammer: „Sofern Ärztinnen und Ärzte in eine Behandlung involviert sind, ist es grundsätzlich möglich, eine ärztliche Tätigkeit an nichtärztliche Mitarbeiter zu übertragen.“

Dabei sei aber die Qualifikation der Person zu beachten, auf die delegiert werden soll. Die Ärztin oder der Arzt muss die Delegation der Leistung darüber hinaus anordnen.

Beim Legen der Infusion geht es dann auch darum, das Infektionsrisiko so minimal wie möglich zu halten. So sei es wichtig, Handschuhe zu tragen, erklärt Oberärztin Monika Trendelenburg - vor allem zum Schutz der Person, die diese Nadel gesetzt hat.

Etwa als Schutz vor HIV oder Hepatitis C. Außerdem unerlässlich: eine ausreichende Desinfektion sowohl der Einstichstelle als auch der Hände der Person, die die Nadel setzt.

Riskante Infusionstherapie gegen Kopfschmerzen und Kater

Der Anbieter Hangover Refresh hat vermeintliche Anti-Kater-Infusionen im Internet angepriesen. Der besondere Service: Ein Arzt kommt zu der Kundin oder dem Kunden nach Hause und legt vor Ort die Infusion. So kann der Kater zuhause auskuriert werden.

Die Infusion „Lange Nacht“ kostet 99 Euro. Nach der Gebührenverordnung könnte der Arzt sogar mehr verlangen. Höchstens aber 122 Euro plus Materialkosten.

Eine Reporterin des ARD Kompetenzcentrums Verbraucher wagt den Selbstversuch und bucht die Anti-Kater-Infusion. Versprochen sind 0,5 Liter Kochsalzlösung und 5 Milliliter Vitamin C intravenös, zusätzlich soll es für das Geld Elektrolyte-Pulver und eine Schmerztablette geben.

Gebucht wird per Mail, mit Vorabbezahlung via Paypal. In den AGB auf der Website steht, dass das Unternehmen „lediglich als Vermittler zwischen diesen beiden Parteien“, also zwischen dem Kunden und dem Arzt, fungiere.

Auf Anfrage bezweifeln Juristen, dass die AGB zulässig seien. Auffällig sei etwa, dass die Kunden eine ärztliche Konsultation und keine Behandlung buchen würden. An einer Stelle bezeichnet sich das Unternehmen selbst als „Uber“, der Fahrtenvermittler. Insgesamt wirkt der Text zusammenkopiert.

Ähnlich dubios: der Termin für die Infusionstherapie. Der Arzt trägt zum Legen der Infusion weder Kittel noch Handschuhe, die Handdesinfektion verläuft eher spärlich. Zum Abziehen der Infusionsnadel nach der Sitzung verzichtet er ganz aufs vorherige Desinfizieren.

In der Infusionsflüssigkeit: neben der Kochsalzlösung ein Vitamin-C -Präparat, das laut Aufdruck abgelaufen ist. Das Elektrolyte-Präparat und die Schmerztablette fehlen komplett.

Die Bitte nach einer Stellungnahme ignoriert Hangover Refresh - eine Unternehmenswebsite findet sich im Internet nun nicht mehr. Es gibt allerdings weitere Unternehmen, die Anti-Kater-Infusionen anbieten, teilweise auch als Prophylaxe vor dem Trinken.

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Hühnerbrühe statt NaCl-Vitamin-Infusion

Ann-Kathrin Stock ist Wissenschaftlerin an der TU Dresden und Mitglied der weltweiten Alcohol Hangover Research Group. Sie wurde 2010 gegründet, um die Forschung zum Thema Alkoholkater auszuweiten. Laut Stock gebe es wenige Studien, die die Wirksamkeit von Vitamin C auf Alkoholkater untersuchen, obwohl es in den meisten Anti-Kater-Mitteln drin sei.

„Was man sagen kann, ist: Vitamin C ist ein Antioxidans und das heißt, der oxidative Stress, der entsteht, weil ich Alkohol trinke, könnte dadurch möglicherweise etwas verbessert werden. Wobei ich auch keine direkten Nachweise gefunden habe“, so Stock. Wenn, dann helfe die Flüssigkeit gegen die Dehydrierung, und das Vitamin C „möglicherweise ein bisschen“ gegen den oxidativen Stress.

Tipp gegen Kater nach zu viel Alkohol:

Aber 99 Euro für etwas weniger Kopfweh, das scheint viel Geld zu sein. Geht das auch günstiger?

Ann-Kathrin Stock empfiehlt in Wasser gelöste Hühnerbrühwürfel. „Das wird genauso gut reichen.“ Es gelte einfach, gegen die Dehydrierung ausreichend zu trinken, zum Beispiel diese Brühe oder etwas anderes, in dem Elektrolyte wie Natrium, Kalium und Magnesium enthalten sind. Und wer kann, solle einen Mittagsschlaf machen, um den verpassten Schlaf aufzuholen.

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Wann ist eine Infusionstherapie sinnvoll?

Es gibt Infusionstherapien, die durchaus sinnvoll sind, darunter auch Vitamin-Infusionen. Diese werden aber ärztlich angeordnet. Und dafür muss entweder ein gravierender Nährstoffmangel vorliegen - oder eine Krankheit.

In beiden Fällen würde die Krankenkasse die Kosten übernehmen. In der Regel werden bei Nährstoffmangel allerdings Präparate in Tablettenform verordnet und von den Kassen übernommen, erläutert die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen (VZ NRW).

Wer sich gesundheitlich schwach, abgeschlagen oder erschöpft fühle, solle die Hausärztin oder den Hausarzt konsultieren, um mögliche Ursachen abzuklären und bei Bedarf eine fachgerechte Behandlung zu erhalten, so die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM).

Risiken und Nebenwirkungen können immens sein

Ohne ärztliche Indikation überwiegen bei den Vitamin-Infusionen die Risiken. Denn neben Infektionen an der Einstichstelle können dazu laut VZ NRW zu möglichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auch allergische Reaktionen oder Überdosierungen gehören.

Hier insbesondere von fettlöslichen Vitaminen wie A, D, E oder K, da sich diese im Körper anreichern und so zu einer schleichenden Überdosierung führen könnten. Die Risiken variieren, von Knochen- und Nierenschäden bis zu erhöhten Krebsrisiken.

„Aus medizinischer Perspektive handelt es sich bei den teils sehr hochpreisigen Infusionen um reine Geldmacherei ohne nachgewiesenen gesundheitlichen Nutzen“, so die Einschätzung von Jan Galle, Vorsitzender der DGIM. Für Gesunde seien die hochdosierten Infusionen somit teure, aber wirkungslose Wellnessanwendungen.

Für Menschen mit Vorerkrankungen könnten sie ernsthafte Gefahren darstellen. „Insbesondere Personen mit Nierenschädigungen sollten von solchen Lifestyle-Infusionen Abstand nehmen, da es zu unerwünschten Nebenwirkungen kommen kann“, warnt Galle.

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