"Menschlichkeit am Zug" steht in gelben Buchstaben an der Wand der Bahnhofsmission Mannheim. An mehreren Holztischen sitzen rund ein Dutzend Gäste. Manche reden, andere beugen sich schweigsam über ihre Tassen. Nebenan, in einem Raum, der Büro und Küche in einem ist, bereiten Torsten Töngi und Lucian Botez gerade Kaffee und Tee zu. Auf jede Untertasse legen sie ein Plätzchen und füllen Thermoskannen mit Tee auf.
Andrang im Winter ist groß
Der Bedarf an Heißgetränken und einem Raum zum Aufwärmen ist groß. Wenn es kalt ist, hat die Bahnhofsmission mehr Gäste als sonst, erzählt Lucian Botez, der aktuell als einziger hauptamtlich hier arbeitet. Rund 80 bis 120 Menschen kämen täglich vorbei. Botez hält gemeinsam mit rund 30 Ehrenamtlichen den Betrieb am Laufen. Unter ihnen sind Rentnerinnen und Rentner, auch Sozialarbeiterinnen und ein Steuerfachberater. Sie wechseln sich im Schichtbetrieb ab. Manche kommen für drei Stunden in der Woche, andere übernehmen regelmäßig Sechs-Stunden-Schichten.
Manchmal sind sie am Limit
Stefanie Paul ist Abteilungsleiterin beim Mannheimer Caritasverband. Sie freut sich über jeden, der bei der Bahnhofsmission mithilft. Aber aus ihrer Sicht sind es leider viel zu wenig - es könnten ruhig doppelt so viele Ehrenamtliche sein, sagt sie. Erst vor zwei Wochen musste die Station wegen Personalmangel drei Stunden früher geschlossen werden. Noch ist das die Ausnahme, aber bei Krankheitsfällen wird es laut Stefanie Paul immer wieder eng. Gerade zur Weihnachtszeit, wo besonders viele Reisende unterwegs sind, gibt es Lücken im Dienstplan.
Anlaufstelle für Reisende und Bedürftige
Die Bahnhofsmission unterstützt Menschen in schwierigen Lebenssituationen ebenso wie Reisende, die unterwegs Hilfe brauchen. "Ältere Menschen, blinde Menschen, Menschen im Rollstuhl, solche, die frisch operiert sind, hochschwangere Frauen und Geflüchtete" zählt Botez auf. Sie brauchen Hilfe beim Umsteigen, mit dem Gepäck oder jemanden, der für sie übersetzt. Regelmäßig machen die Ehrenamtlichen Rundgänge über den Bahnhof. Oft kommen Anfragen für Umsteige-Hilfen aber schon vorab per E-Mail.
Aus Überzeugung geblieben
Am Rechner sitzt an diesem Morgen Ulrike Endell-Steiert. Die 63-Jährige ist Dolmetscherin für Englisch und Russisch. Sie kam mit Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine zur Bahnhofsmission, weil sie beim Übersetzen helfen wollte. Mittlerweile kommen zwar kaum noch ukrainische Geflüchtete zur Mannheimer Bahnhofsmission, Endell-Steiert aber ist geblieben. "Man lernt hier, was alles nicht selbstverständlich ist", sagt sie. Am Morgen hat sie schon eine Fahrkarte für einen wohnungslosen Mann besorgt, ansonsten sei noch nicht viel los gewesen.
Mehr Ehrenamtliche vor Corona
In Vor-Corona-Zeiten hatte die Bahnhofsmission Mannheim bis zu fünfzig Ehrenamtliche, sagt Stefanie Paul. Rund um den Angriffskrieg auf die Ukraine hätten sie sogar innerhalb weniger Tage auf Hundert Personen aufstocken können. Vor allem viele Ältere seien aber nach der Pandemie nicht mehr wieder gekommen.
Gäste kommen immer wieder
Stephan Berger kommt mehrmals pro Woche zur Bahnhofsmission. Seit zwei bis drei Jahren ist er wohnungslos, erzählt der Viernheimer. Heute nutzt er das Telefon der Bahnhofsmission, um bei einer französischen Bäckerei in Heidelberg anzurufen, denn die sucht gerade eine Küchenhilfe. Die Jobanzeige hat er mitgebracht, sie liegt vor ihm auf dem Holztisch.
Lucian Botez macht sich auf den Weg zu einem Rundgang über den Bahnhof. Am liebsten würden die Ehrenamtlichen das zu zweit machen, aber das gibt die Personalsituation oft nicht her. In der Eingangshalle des Mannheimer Bahnhofs läuft Botez an der Krippe der Bahnhofsmission vorbei. Die Heiligen drei Könige wachen als große Holzfiguren über das Jesuskind. Lucian Botez rückt das Kind in der Krippe zurecht und deckt es neu zu. Es wurde mal wieder verschoben. Botez mag seinen Job und den Bahnhof, das merkt man. An einem Buchladen gegenüber hängt ein blaues Plakat. 'Wir suchen Problemlöser und Alltagsheldinnen' steht darauf. Es ist ein Plakat der Bahnhofsmission.