Antirassismus-Beauftragte: Täter nicht anhand ihrer Herkunft beurteilen

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Autor/in
Nina Amin

Kann man Randalierer der Silvesternacht nach ihrer Herkunft beurteilen? Die Antirassismus-Beauftragte Alabali-Radovan meint: Nein, nach ihren Taten!

Nach der Silvester-Krawallen in Berlin-Neukölln ebbt die Debatte um Randalierer aus Einwandererfamilien nicht ab. Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) hat bei einem Gipfel gegen Jugendgewalt mehr Geld für die Sozialarbeit in den Schulen und auf der Straße angekündigt. Die Union sieht ein grundsätzliches Problem mit Migranten in ganz Deutschland, die keinen Respekt vor dem deutschen Staat hätten. Die Berliner CDU-Fraktion wollte von Täter mit deutschen Pässen den Vornamen wissen. CDU-Chef Friedrich Merz spricht von "Arabern" und "kleinen Paschas". Die Antirassismus-Beauftragte der Bundesregierung wirft Merz vor, mit seinen Äußerungen rassistische Ressentiments zu schüren.

"Täter anhand ihrer Taten, nicht ihrer Vornamen beurteilen"

Reem Alabali-Radovan ist seit knapp einem Jahr Antirassismus-Beauftragte der Bundesregierung. Die SPD-Politikerin sagt im Interview der Woche, sie sei schockiert über die Gewalt in der Silvesternacht. "Trotzdem hat mich überrascht, dass wir in einer Debatte gelandet sind, die mich an Zeiten erinnert, bei denen ich gedacht hätte, dass wir sie eigentlich längst hinter uns gelassen haben - dass rassistische Ressentiments geschürt werden und ganze Bevölkerungsgruppen dadurch auch stigmatisiert werden." Die Täter müssten anhand ihrer Taten, nicht anhand ihrer Vornamen beurteilt werden.

Reem Alabali-Radovan und Korrespondentin Nina Amin stehen nebeneinander auf einer Brücke im ARD-Hauptstadtstudio
Reem Alabali-Radovan und Korrespondentin Nina Amin im ARD-Hauptstadtstudio

"Rassismus ist schmerzhafter Alltag für viele Menschen in Deutschland"

Gerade ist der erste Lagebericht zu Rassismus in Deutschland erschienen. Der belegt, dass bestimmte Gruppen häufig als minderwertig und kriminell abgestempelt werden. Als Antirassismus-Beauftragte spreche sie mit vielen Betroffenen, sagt die 32-Jährige im Interview der Woche. "Was mir besonders aufgefallen ist, ist das Thema antimuslimischer Rassismus. Es sind viele junge Menschen, die auch über Generationen hier leben – als Muslimin und Muslime – und die immer wieder berichten, dass sie von Diskriminierung betroffen sind und dass sie sich nicht als Teil der Gesellschaft zugehörig fühlen". Alabali-Radovan hat selbst arabische Wurzeln. Auch sie habe Rassismus erfahren, spricht aber ungern darüber. "Es geht nicht um Einzelschicksale, sondern das betrifft viel zu viele Menschen in unserem Land. Wir haben um die 22 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte in der Bevölkerung."

Mehr Prävention, mehr Aufklärung

Ein großes Problem liegt laut Lagebericht im Alltagsrassismus. Auf dem Arbeitsmarkt, bei der Wohnungssuche und an Schulen kommt es zu rassistischer Diskriminierung. Studien der Universität Mannheim zeigen, dass Grundschulkinder mit ausländischem Namen – bei gleicher Leistung – oft schlechtere Noten bekommen als ihre Mitschüler mit deutschen Namen. "Rassismus ist kein Randphänomen, sondern existiert in der Mitte unserer Gesellschaft". Alabali-Radovan will mit Ländern sprechen, wie beispielsweise Rassismus im Bildungsbereich durch Aufklärung und Prävention verhindert werden kann. Denn: "Viele Lehrkräfte diskriminieren gar nicht bewusst rassistisch."

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Nina Amin