Ein bisschen gemein war der Marshmallow-Test schon immer: Mit dem berühmten Experiment hat der Psychologe Walter Mischel in den 70er-Jahren die Impulskontrolle bei Vorschülern getestet. Er setzte den Kindern ein Marshmallow vor. Dann versprach er ihnen eine zweite Süßigkeit. Voraussetzung: Sie durften das Marshmallow nicht anrühren und erst essen, wenn er mit der zweiten Leckerei zurückkam. Laut Mischels Ergebnissen hatten die Kinder, die warten konnten, später mehr akademischen Erfolg.
Mittelmäßiger Sonnenblumenkern oder heiß begehrte Walnuss?
Lange glaubte die Fachwelt, dass nur Menschen zu so einem Belohnungsaufschub fähig seien. Seit geraumer Zeit, hat die Fachwelt aber entdeckt, dass auch einige intelligente Tiere, etwa Hunde, Schimpansen, Krähen und Tintenfische, dazu in der Lage sind, einem unmittelbaren Futterreiz zu widerstehen.
Das berühmte Experiment haben Forscherinnen und Forscher vom Max-Planck-Institut für Ornithologie jetzt mit Papageien wiederholt: Statt Marshmallows gab es Sonnenblumenkerne und Walnüsse. Während Sonnenblumenkerne mäßig lecker für Papageien sind, zählen Walnüsse zu ihrem Lieblingsessen.
Das Forscherteam wollte wissen, ob die Papageien es schaffen, auf eine direkte Belohnung in Form eines Sonnenblumenkerns zu verzichten, wenn sie dafür nach einer Wartezeit eine Walnuss bekommen.
Die Belohnung kam per Drehscheibe
Das Problem: Sie konnten den Papageien – anders als Mischel damals den Kindern – nicht einfach sagen, dass sie auf die Belohnung warten sollen. Deshalb hat das Forscherteam eine Art Belohnungs-Karussell gebaut: An einer Drehscheibe sind zwei Löffel befestigt. Ein Löffel mit Sonnenblumenkernen ist für den Papageien sofort zugänglich.
Den zweiten Löffel mit einer Walnuss, kann der Papagei zwar durch eine Plexiglasscheibe sehen, er kommt aber erstmal nicht dran. Der Walnusslöffel bewegt sich dann langsam auf den Papagei zu. Kann der sich beherrschen und wartet, kriegt er die Walnuss. Schnappt er sich hingegen die Sonnenblumenkerne, gibt es keine Nuss.
Das Belohnungs-Karussell haben die Forscher mit Graupapageien, Großen Soldatenaras, Blaukehlaras und Blaukopfaras gespielt: Alle vier Arten haben bestanden und konnten zumindest kurze Zeit auf die begehrte Walnuss warten.
Intelligenz und Gehirngröße könnten eine Rolle spielen
Wie lange die Papageien bereit waren zu warten, unterschied sich je nach Art deutlich: Während Graupapageien im Schnitt eine halbe Minute warteten, hielten es die großen Soldatenaras 20 Sekunden lang aus. Blaukopfaras (12 Sek.) und Blaukehlaras (8 Sek.) verloren schon nach wenigen Sekunden die Geduld.
Warum die Vögel unterschiedlich gut darin sind, ihre Impulse zu kontrollieren, wissen die Forscher nicht. „Wir vermuten, dass dies mit Unterschieden in der relativen Gehirngröße oder der allgemeinen Intelligenz zusammenhängen könnte“, sagt Co-Autor Matthew Petelle in einer Pressemitteilung.
Die Selbstbeherrschung sei möglicherweise bei Vogelarten stärker ausgeprägt, die viel Zeit in ihre Futtersuche investieren müssen oder in einem komplexeren sozialen Umfeld leben.
Wer sich ablenkt, hält länger durch
Dass die schlauen Vögel, wirklich abwägen, ob es sich lohnt auf das bessere Futter zu warten, zeigen zwei Kontrollversuche: Waren auf beiden Löffeln Sonnenblumenkerne, warteten sie nicht. Genauso wenig, wenn auf dem sofort verfügbaren Löffel schon eine Walnuss lag.
Die Vögel, die sich während der Wartezeit ablenkten, hielten länger durch. Sie liefen auf und ab, drehten der Belohnung den Rücken zu und nässelten am Versuchsaufbau herum. Dass solche Bewältigungsstrategien beim Warten helfen können, haben auch abgewandelte Marshmallow-Tests mit Hunden und Affen gezeigt.