Literatur

Der tansanische Autor Abdulrazak Gurnah erhält den Literaturnobelpreis 2021

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Der Nobelpreis für Literatur 2021 geht an den tansanischen Schriftsteller Abdulrazak Gurnah "für seine kompromisslose und mitfühlende" Darstellung "der Folgen des Kolonialismus", so der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, Mats Malm, bei der Bekanntgabe.

Gurnah begann als 21-Jähriger in den 1960er-Jahren zu schreiben

1948 geboren wuchs Gurnah in Sansibar auf. Nach der Unabhängigkeit und der gewalttätigen Revolution auf Sansibar floh er in den 60er Jahren ins Exil nach Großbritannien, wo er als 21-Jähriger zu schreiben begann. Zuletzt war er Professor für englische und postkoloniale Literaturen an der Universität von Kent.

Ausgezeichnet wird er laut Jury für seine kompromisslose und mitfühlende Beschäftigung mit den Folgen des Kolonialismus und dem Schicksal der Flüchtlinge, die zwischen Kontinenten und Kulturen hin- und hergerissen sind. Er hat zehn Romane und eine Reihe von Kurzgeschichten veröffentlicht, die laut Jury auch einen Blick auf die Vielfalt Ostafrikas werfen. Seine Muttersprache ist Swahili; er veröffentlicht auf Englisch.

In England ist Gurnah ein bekannter Autor

In England gilt Gurnah als einer der bekannten Autoren aus dem ehemaligen britischen Empire; seine Romane erscheinen bei renommierten Verlagen und in großen Auflagen. In seinen Werken nimmt er immer wieder Bezug auf seine ehemalige Heimat, thematisiert die Kolonialherrschaft der Deutschen und Engländer auf Sansibar sowie die politische und ethnische Gewalt und die postkoloniale Ernüchterung, welche auf die Unabhängigkeit folgten.

Der 2005 erschienene Roman "Die Abtrünnigen" spielt im Afrika der frühen 50er Jahre, als der gesamte Kontinent von Aufständen gegen die koloniale Fremdherrschaft erschüttert wurde. Die ersten drei Romane, "Memory of Departure" (1987), "Pilgrim's Way" (1988) und "Dottie" (1990) dokumentieren die Erfahrung von Einwanderern ins zeitgenössische Großbritannien.

Gurnahs vierter Roman "Das verlorene Paradies" war 1994 für den Booker-Preis nominiert

Sein vierter Roman "Das verlorene Paradies" (1994) spielt in Kolonialostafrika während des Ersten Weltkrieges und kam in Großbritannien in die Endauswahl für den angesehenen Booker-Preis. "Ferne Gestade" (2001) verknüpft zwei seiner literarischen Themen: die Migration und den kolonialen Alltag der Bevölkerung auf Sansibar.

In Deutschland ist Gurnah unbekannt, seine Bücher sind derzeit nicht lieferbar

Für den deutschen Buchmarkt bedeutet der neue Literaturnobelpreisträger offenbar eher eine Enttäuschung. Auf Deutsch sei derzeit kein Titel von Gurnah lieferbar, berichtete das Fachmagazin Börsenblatt in Frankfurt. Als Autor sei der in Großbritannien lebende neue Nobelpreisträger in der Bundesrepublik so gut wie unbekannt.

Gurnah beleuchtet in seinen Romanen und Kurzgeschichten auch die deutsche Kolonialherrschaft in Deutsch-Ostafrika. Sansibar, wo er 1948 geboren wurde, war einst deutsche Kolonie.
(Quelle: KNA, Christoph Arens)

Der Nobelpreis für Literatur

Der Literaturnobelpreis gilt als wichtigster Preis für Literatur und wird seit 1901 jährlich vergeben. Die Preisverleihung findet am 10. Dezember, dem Todestag von Preisstifter Alfred Nobel, in Stockholm statt.

Im letzten Jahr erhielt die amerikanische Lyrikerin Louise Glück den Nobelpreis für Literatur "für ihre unverwechselbare poetische Stimme, die mit strenger Schönheit das allgemein Gültige der individuellen Existenz herausarbeitet." (Begründung der Jury)

Preisgeld

Der Literaturnobelpreis wird seit 1901 vergeben. Er ist aktuell mit 10 Millionen schwedischen Kronen (ca. 984.000 Euro) dotiert.

Deutsche Literaturnobelpreisträger*innen

Bisher haben acht deutsche Schriftsteller*innen den Literaturnobelpreis erhalten. Herta Müller (2009), Günter Grass (1999), Heinrich Böll (1972), Hermann Hesse (1946), Thomas Mann (1929), Gerhart Hauptmann (1912), Rudolf Eucken (1908) und Theodor Mommsen (1902).

1966 ging der Preis zudem an die Schriftstellerin Nelly Sachs. Die gebürtige Deutsche, die als Jüdin 1940 aus Deutschland fliehe musste, hatte zu diesem Zeitpunkt jedoch die Schwedische Staatsangehörigkeit angenommen.

2018 war der Literaturnobelpreis in seiner größten Krise

2018 stand der Nobelpreis schon fast vor seinem Ende. Dem Franzosen Jean-Claude Arnault, Ehemann des langjährigen Akademiemitglieds Katarina Frostenson, wurde sexueller Missbrauch vorgeworfen. Er soll nach Recherchen der Zeitung „Dagens Nyheter“ über Jahre hinweg weibliche Mitglieder der Akademie, Mitarbeiterinnen sowie Frauen und Töchter von Akademiemitgliedern sexuell belästigt oder missbraucht haben. Zudem sollen Frostenson und Arnault dem eigenen Kulturverein Fördergeld zugeschanzt und die Namen von sieben Nobelpreisträgern vorzeitig ausgeplaudert haben.

Ende 2018 wurde Arnault wegen zweimaliger Vergewaltigung einer Frau zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Als Reaktion auf die Vorwürfe gegen Arnault legten 2018 mehrere Jurymitglieder ihre Arbeit nieder. Weil von 18 Mitgliedern damit nur noch zehn aktiv waren, wurde die Verleihung in dem Jahr ausgesetzt.
(Quelle: Redaktionsnetzwerk Deutschland)

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SWR