Multimediale Chronik

Die Jahre 1950-2000

Stand

Am (elektronischen) Puls der Zeit.

Ein Studio, in dem Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez, Cristóbal Halffter und Luigi Nono gearbeitet haben, ist weltweit einzigartig. Ein Blick auf die Chronik des SWR Experimentalstudios zeigt: Die Geschichte geht weiter! Heute komponieren Mark Andre, Chaya Czernowin, Georg Friedrich Haas neben vielen anderen renommierten Komponistinnen und Komponisten hier.

Vier Männer diskutieren im Experimentalstudio
Proben zur Uraufführung von Vinko Globokars „Kaktus unter Strom“ mit Peter Veale, Vinko Globokar, Franck Ollu, Jean-Paul Céléa

1997

1993

  • Der digitale Matrix-Mixer wird entwickelt. Er ist eine Fortentwicklung des Koppelfelds, nunmehr komplett digital angelegt. Das kompakte Gerät ist modular und lässt sich bequem auf den vielen Konzertreisen des Studios einsetzen. Inzwischen ist auch das Halaphon direkt im Gerät integriert. Die digitale Matrix kann den Klang auf bis zu 64 Lautsprecher im Raum verteilen und bewegen. Wegen der Mobilität wie der Ausrichtung für eine differenzierte Interpretation live-elektronischer Werke ist der Matrix-Mixer vorbildlich. Er kommt erstmals in der Oper "Don Quichote de la Mancha" von Hans Zender zum Einsatz.

1992

  • Das Experimentalstudio zieht in die neuen Räumlichkeiten des Landesstudios Freiburg des SWF in die Kartäuserstraße. Auf mehr als 700 m2 wird es nach neuesten technischen Ansprüchen zu einem in Deutschland einzigartigen Klanglabor ausgebaut. Der Wandel der analogen Studiotechnik in das digitale Zeitalter beginnt.
Außenansicht SWR Experimentalstudio Gebäude in der Dämmerung hell erleuchtet
Außenansicht des SWR Experimentalstudios
  • Uraufführung "Sinfonie X" von Dieter Schnebel für großes Orchester, Altstimme, Tonband und Live-Elektronik bei den Donaueschinger Musiktagen.

1990

  • Das Experimentalstudio entwickelt in Zusammenarbeit mit der Firma Sennheiser eine Weltneuheit: die Digitale Filterbank/Vocoder. Diese zerlegt den Frequenzbereich unseres Hörens (65 Hz bis 16 kHz) in 48 kleine Abschnitte ("Bandpässe"). Debüt bei André Richards Werk "Glidif" beim Festival Exstasis in Genf.
Digitale Filterbank
Digitale Filterbank

1989

  • Der Schweizer Komponist und Dirigent André Richard wird neuer künstlerischer Leiter des Experimentalstudios.
Porträt Andre Richard
Porträt André Richard
  • Uraufführung des Musiktheaterwerks "Der Turm" von Detlef Heusinger in Bremen, der ersten Oper mit Live-Elektronik im Repertoiretheater.
  • Uraufführung "Monotonien I-V" von Dieter Schnebel für Klavier und Live-Elektronik bei den Donaueschinger Musiktagen.

1988

  • Uraufführung "La lontananza nostalgica-futura" von Luigi Nono für Solo-Violine, Live-Elektronik und Tonband in Berlin.

1987

Dieter Schnebel wird bis Ende 1989 künstlerischer Berater des Experimentalstudios.

Zwei Männer unterhalten sich
Dieter Schnebel 2005 mit André Richard in Berlin
  • Eine weitere Uraufführung bei den Donaueschinger Musiktagen: Luigi Nonos "Post-Prae-Ludium No. 1 per Donau" für Tuba und Live-Elektronik.

1986

  • Bei den Donaueschinger Musiktagen wird das Werk "Wandlungen" für 25 Instrumente und Live-Elektronik des portugiesischen Komponisten Emmanuel Nunes uraufgeführt. Vom Experimentalstudio wird er durch Rudolf Strauß und Hans Peter Haller unterstützt. "Echanges" von André Richard für Orchester und Live-Elektronik wird in Genf uraufgeführt. Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch niemand, dass der Schweizer Komponist einmal Leiter des Experimentalstudios wird.
Gruppenfoto: Komponist Emmanuel Nunes und 3 Männer
Ernest Bour, Emmanuel Nunes, Rudolf Strauß und Hans Peter Haller 1986

1985

  • Uraufführung "Prometeo", 2. Fassung, von Luigi Nono in Mailand.

1984

  • Die Urfassung von Luigi Nonos "Prometeo. Tragedia dell’ ascolto" für 2 Soprane, 2 Altstimmen, Tenor, Bariton, gemischten Chor, Orchester und Live-Elektronik wird bei der Biennale di Venezia in der Chiesa di San Lorenzo uraufgeführt. Speziell für die Aufführung des Werkes baut der Architekt Renzo Piano eine "Barca" in die (leere) Kirche, einen Schiffsrumpf aus Holz, der den Raumklang nachhaltig beeinflussen sollte.

1983

  • Luigi Nono wird bis Ende 1986 künstlerischer Berater des Experimentalstudios.
  • Erstmals Durchführung eines einwöchigen Seminars über "Elektronische Klangumformung" im Experimentalstudio mit Luigi Nono, Helmut Lachenmann, Roberto Fabbriciani und Hans Peter Haller.
  • Uraufführung "Erniedrigt-Geknechtet-Verlassen-Verachtet …" von Klaus Huber für Gesangssolisten, Chor, Orchester und Tonband bei den Donaueschinger Musiktagen.

1982

Uraufführung "Quando stanno morendo diario. Polacco no 2" von Luigi Nono für 3 Soprane, Mezzosopran, Flöte, Cello und Live-Elektronik in Venedig.

Mann sitzt vor Elektronik bei Proben zu Konzert
Luigi Nono, 1982 bei den Donaueschinger Musiktagen

1981

  • Uraufführung "Répons" von Pierre Boulez für 6 Solisten, Kammerensemble, Computerklänge und Live-Elektronik bei den Donaueschinger Musiktagen.
  • Uraufführung "Das atmende Klarsein" von Luigi Nono für Bassflöte, achtstimmigen Solo-Chor und Live-Elektronik in Florenz.

1980

  • Das Koppelfeld wird entwickelt. Mit je 96 Ein- und Ausgängen ist die Mischmatrix eine der größten ihrer Zeit. Sie lässt sich vom Computer programmieren und bildet fortan das Herzstück der täglichen live-elektronischen Arbeit. Berühmte Werke wie "Das atmende Klarsein" und "Con Luigi Dallapiccola" von Luigi Nono wurden mit dem Koppelfeld realisiert.
Silberner Kasten mit vielen Koppelpunkten einer Matrix
Das Koppelfeld mit je 96 Ein- und Ausgängen
  • Luigi Nono wird ständiger Studiogast im Experimentalstudio. Bis 1989 komponiert er sein gesamtes Spätwerk im Freiburger Studio.

1979

  • Der spanische Komponist Cristóbal Halffter wird bis Ende 1982 künstlerischer Berater des Experimentalstudios. In dieser Zeit komponiert er sechs Werke in unterschiedlichster Besetzung (auch Tonbandkompositionen) im Experimentalstudio.

1978

  • Kazimierz Serockis "Pianophonie" für Klavier, elektronische Klangumformung und Orchester, komponiert von 1976 bis 1978 im Auftrag des Südwestfunks Baden-Baden, wird bei den "Recontres internationales de musique contemporaine" in Metz uraufgeführt. In diesem Werk verwendet der Komponist Ringmodulatoren, Sinusoszillatoren, der Quint-Bandpassfilter, das Halaphon und Verzögerungsgeräte.

1977

  • Uraufführung "Time and Motion Study II" von Brian Ferneyhough für vokalisierenden Cellisten und Live-Elektronik bei den Donaueschinger Musiktagen.

1973

  • Seit Ende der 60er Jahre besucht Pierre Boulez den Südwestfunk und experimentiert mit den einzigartigen Geräten.
  • 1973 wird schließlich "… explosante-fixe…" von Pierre Boulez für acht Instrumente und Live-Elektronik in der Alice Tully Hall in New York uraufgeführt. Dies ist die erste Reise des Experimentalstudios nach Übersee.

1971/1972

  • 1971 wird das "Experimentalstudios der Heinrich-Strobel-Stiftung des Südwestfunks" gegründet, dessen erster Leiter Hans Peter Haller wird.
  • Das Halaphon wird von Dipl.-Ing. Peter Lawo in Zusammenarbeit mit dem Experimentalstudio entwickelt. Es ermöglicht Klänge im Raum elektronisch zu verteilen und zu bewegen. Diese Erfindung stellt einen äußerst bedeutenden Schritt dar, da nun auch der Raum mit all seinen Eigenschaften und Parametern der kompositorischen Arbeit zur Verfügung stehen.
Hans Peter Haller und Otto Tomek bestaunen das Halaphon
Hans Peter Haller und Otto Tomek bestaunen das neue Halaphon
  • Zum Einsatz kommt das erste Halaphon während der Donaueschinger Musiktage 1971 bei der Uraufführung des Werks "Planto por las Victimas de la Violencia" von Cristóbal Halffter. Seinen Namen erhielt das Halaphon von Dr. Otto Tomek, dem damaligen Hauptabteilungsleiter Musik des Südwestfunks. Es ist ein Akronym aus den Nachnamen Haller und Lawo. Für die kompositorische Arbeit im Experimentalstudio stellt die Erfindung einen äußerst bedeutenden Schritt dar, da sie die Bewegung von Audiosignalen über im Raum verteilte Lautsprecher und somit eine freie Beeinflussung des Raumklangs ermöglicht

1970

  • Strobel vergibt einen Doppel-Auftrag an den Komponisten Cristóbal Halffter und Hans Peter Haller, der den elektronischen Entwurf gestalten soll. Es ist die Geburt von "Hallers toller Kiste 4", aus der die Firma Lawo das erste "vollelektronische Klangsteuergerät zur Bewegung einer Klangquelle in einem vorgegebenen Raum" bauen wird: das Halaphon – eine Weltneuheit.

1969/1970

Zwei Pianisten an zwei Flügeln auf einer Bühne
Alfons und Aloys Kontarsky bei der Uraufführung von Stockhausens „Mantra“
  • Der damalige Hauptabteilungsleiter Musik des Südwestfunks, Heinrich Strobel, beauftragt Karlheinz Stockhausen mit der Komposition eines Werkes für zwei Klaviere und Ringmodulator. Es entsteht "Mantra", das bei den Donaueschinger Musiktagen 1970 uraufgeführt wird und als wichtiger Grundstein für die Entstehung des Experimentalstudios gilt.
  • Zusammen mit dem Ingenieur Peter Lawo entwickelt Hans Peter Haller einen Kleinklangumformer.
  • Zur selben Zeit bezieht das "Laboratorium" im SWF-Landesstudio im idyllischen Freiburg-Günterstal Quartier, das im ehemaligen Hotel und Restaurant "Zur Kyburg" untergebracht war.
Großes altes Gebäude in der Natur – das ehemalige Hotel „Kyburg“
Die „Kyburg“ in Freiburg-Günterstal, ca. 1970
  • Das Hotel war 1876 von Georg Anselm Trescher errichtet worden. Auf dem Bild zu sehen ist der Anbau des Hotels, in dem das Experimentalstudio seine Räumlichkeiten einrichtete und bis zum Umzug in die Innenstadt beheimatet war.

1956

  • Auf der Bürck-Heckschen Basis und mit seinem Märklinbaukasten bastelt Hans Peter Haller einen Ringmodulator. Dies sieht er als Antwort auf die Frage, ob der "lebendige Klang herkömmlicher Instrumente zu verändern ist". Später wird klar, dass dies der Beginn der elektronischen Klangumformung war.

1953

  • Die SWF-Mitarbeiter Dr. Bruno Heck und Fred Bürck erfinden einen Frequenzumsetzer, der Klänge in Echtzeit, d.h. sofort hörbar, umformen kann, ein wetteranfälliges Unikat, das heute im Deutschen Museum München steht. Musikalisch ist er jedoch eine Sensation, die Musiker und Komponisten wie Otto Lünning ("Vater der elektronischen Klangumformung") oder Lejaren Hiller von der Illinois University, USA, nach Baden-Baden treibt.

1950

  • Heinrich Strobel vergibt in dieser Zeit die wichtigsten Kompositionsaufträge an Strawinsky, Hindemith, Stockhausen und Boulez. Die Zeit ist reif für Neues, z. B. für einen "Klangkörper", der neben dem Sinfonieorchester (Tradition wie öffentlich-rechtlichem Kulturauftrag verpflichtet) die Musik dieser Zeit hörbar macht. Zwar gibt es bereits Geräte für künstliche Klänge mit Oszillatoren (Friedrich Trautweins "Trautonium", 1930), doch keine für "lebendige" Töne: Der Computer als Instrument muss noch entdeckt werden.
Stand
Autor/in
SWR