Das schmutzige Geschäft mit Palmöl und Kakao

Wirklich nachhaltig und fair? – Was steckt hinter Siegeln wie RSPO & Co.?

Stand

Von Autor/in Stefanie Waldschmidt, Eva Gnädig

Immer mehr Siegel werben mit Nachhaltigkeit oder fairen Arbeitsbedingungen in den Erzeugerländern von zum Beispiel Kakao und Palmöl. Stimmt das? Ein Blick hinter die Kulissen.

Das RSPO-Siegel

Es ist auf vielen Lebensmitteln zu finden. Sie sollen nachhaltig erzeugtes Palmöl enthalten. Das Siegel wird von der Organisation “Roundtable for Sustainable Palmoil” vergeben. In einem Werbevideo wirbt die Organisation damit, dass ihr Siegel für gute Bedingungen für Kleinbauern und ihre Familien in den Regionen der Palmölplantagen sorge. 

Wie sieht es tatsächlich aus? Beispiel Honduras. Von hier kommt Palmöl für große Lebensmittelkonzerne. Und hier herrscht schon lange Gewalt. Es geht um die Landnutzung im Aguán-Tal.

Menschenrechtler machen den Palmöl-Konzern Dinant seit Jahrzehnten verantwortlich für Landvertreibungen, werfen dem Unternehmen vor, enge Verbindungen zu bewaffneten Gruppen zu unterhalten. Diese sollen auch zahlreiche Kleinbauern und ihre Unterstützer ermordet haben.

In der Vergangenheit hat Dinant jegliche Beteiligung an Enteignungen und Gewalt abgestritten – man habe die Behörden sogar aufgefordert, Recht und Ordnung wieder herzustellen.

Vor einigen Wochen eskaliert die Gewalt im Aguán-Tal erneut. Lokale Nachrichten berichten über Straßensperrungen und bewaffnete Auseinandersetzungen.

MARKTCHECK nimmt Kontakt zu Yoni Rivas auf. Er setzt sich als Sprecher der Kooperative “Plataforma” seit Langem für die Kleinbauern in ihrem Konflikt mit dem Konzern Dinant ein.

Seinen aktuellen Aufenthaltsort will er nicht mitteilen, da er sich bedroht fühle und um sein Leben fürchte. Kriminelle Gruppen würden permanent sein Haus bewachen, erzählt er: „Ich kann nicht nach Hause gehen. Wenn ich meine Familie sehen will, dann müssen wir uns woanders treffen”, erzählt Rivas und zeigt ein Video, indem, wie er sagt, Kleinbauern von Ländereien vertrieben würden. Schüsse sind zu hören.  

Wendy Castro lebt auf solch umkämpftem Land einer Kooperative. Sie habe die Gewalt am eigenen Leib erfahren, erzählt sie, Bewaffnete hätten ihr mit einem Stein auf den Fuß geschlagen: “Sie haben sich nicht getraut uns zu erschießen, weil die Polizei ebenfalls da war, wir sind dann einfach nur noch gerannt,” erzählt Castro.

MARKTCHECK fragt bei Dinant nach, zu den Landvertreibungen und der Gewalt im Aguán-Tal. Das Unternehmen antwortet nicht. Jedenfalls hat Dinant gerade erst vergangenen August eine Zertifizierung für ein RSPO-Siegel erhalten, also für nachhaltig und sozial verträgliche Produktion.

Für Dominik Groß von der Menschenrechts-Initiative Romero ist das nicht nachvollziehbar. Er habe RSPO in den vergangenen Jahren mehrfach auf die Situation in Honduras hingewiesen, da es nach wie vor Bedrohungen und Gewalt gebe, und "nach wie vor eine wirklich prekäre Situation für die Gemeinden und für die Kooperativen vor Ort," so Groß.

MARKTCHECK fragt bei der Organisation RSPO nach: warum hat man dem Konzern Dinant trotz der Vorwürfe eine RSPO-Zertifizierung verliehen? Die Antwort: Dinant habe zugesagt, sich an die RSPO-Standards zu halten und man habe den Zertifizierer angewiesen, die Bedenken gründlich zu untersuchen. Man werde "weiterhin eng mit dem Zertifizierer und den Kontrollorganen zusammenarbeiten, um die Risiken rund um Dinant zu überwachen."

Auch die deutsche Margarine der Marke Deli trägt das RSPO-Siegel. Bunge, der Mutterkonzern des Herstellers Lebensmittelwerke Walter Rau GmbH, bestätigt, dass das Unternehmen auch Palmöl von Dinant verwendet habe, zumindest bis Januar 2025.

In der Stellungnahme heißt es dazu: "Bunge sind die Vorwürfe gegen Dinant bekannt. Unser Direktlieferant teilte mit, dass er ein formelles Beschwerdeverfahren gegen Dinant eingeleitet hat. Bunge hat Dinant gesperrt und wird den Fall und die Aktionspläne über die Direktlieferanten weiterhin genau überwachen."

Das Unternehmen teilt der Redaktion mit, dass die Geschäftsbeziehungen bereits 2018 und 19 wegen vergleichbarer Probleme einmal ausgesetzt waren. Dann seien von Dinant Maßnahmen zur Verbesserung ergriffen worden. Offenbar aber keine nachhaltig wirksamen, wie die erneute Sperrung von Dinant nun zeigt.

Wie fair ist der Kakaoanbau wirklich?
Wie fair ist der Kakaoanbau wirklich?

Keine unabhängige Überprüfung von Siegeln und Zertifikaten

Das RSPO-Siegel ist nur ein Beispiel. Lisa Völkl von der Verbraucherzentrale Bundesverband sieht ein generelles Problem bei Siegeln, die hohe soziale Standards versprechen, weil es für Verbraucherinnen und Verbraucher vollkommen unübersichtlich sei, welchen Siegeln sie vertrauen könnten. Denn es gebe keinerlei Mindeststandards.

Die Zertifizierungsstellen würden nicht durch unabhängige Dritte überwacht. "Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft bezahlen die Zertifizierungsstellen und die Sozialsiegel dafür, dass die Zertifizierung durchgeführt wird", so Völkl. Das sei problematisch, weil dadurch natürlich Abhängigkeitsverhältnisse entstünden.

Wenn die Überprüfer der Regeln die Regeln selbst festlegten und es auch noch Verflechtungen mit Unternehmen gibt, seien die zertifizierten Siegel nicht viel wert.

RSPO schreibt uns dazu:

Um sicherzustellen, dass die RSPO-zertifizierten Mitglieder die Standards einhalten, umfasst das System eine Zertifizierung durch Dritte und ein System der Akkreditierung von Zertifizierungsstellen. Dieses unabhängige Auditsystem, bei dem eine klare Trennung zwischen dem Eigentümer des Standards (RSPO) und dem Prüfer des Standards (Zertifizierungsstellen) besteht, ist ein wichtiger Eckpfeiler des RSPO-Zertifizierungsprozesses und verhindert einen Interessenkonflikt, der entstehen würde, wenn der RSPO seinen eigenen Standard überwachen würde.

Alles fair beim Kakao-Anbau?

Auch auf Kakaoplantagen sind die Arbeitsbedingungen oft schlecht. Trotzdem prangen auf Schokoladeverpackungen Siegel, die für bessere Konditionen für die Arbeiter stehen.

Auch hier wird mehr versprochen, als wirklich drinsteckt, sagt Friedl Hütz-Adams, der sich seit vielen Jahren mit dem Kakaoanbau beschäftigt.

Das Hauptproblem beim Kakao-Anbau: Kinderarbeit. In den beiden Hauptanbauländern, Elfenbeinküste und Ghana, arbeiteten jeweils rund 800.000 Kinder, so Hütz-Adams: "Die Ursache ist, dass der Kakaopreis über viele Jahre viel zu niedrig war."

Das Problem der Siegel und Programme: zwar erhalten die Partner vor Ort eine zusätzliche Prämie, doch die sei viel zu gering: "Es gab vor ein paar Jahren Studien in der Elfenbeinküste und in Ghana, und da kam raus, dass die Familien im Durchschnitt die Hälfte dessen verdienten, was existenzsichernd ist. Das ist die Ursache dafür, dass Kinder mitarbeiten. Wenn ich mir keine erwachsenen Arbeitskräfte leisten kann, dann kann ein Unternehmen noch so viele Projekte aufsetzen und den Leuten erzählen, ihr dürft Eure Kinder nicht arbeiten lassen. Sie haben keine andere Wahl. Da kann man sich vorstellen, dass die Prämie keine Lösung für das Armutsproblem ist, das ist ein Tropfen auf den heißen Stein", beklagt Hütz-Adams.

Hütz-Adams sitzt selbst im Fachbeirat Nachhaltigkeit beim Siegel Pro-Planet. Um dazu beizutragen, "dass bei Massenprodukten soziale und ökologische Nachhaltigkeit eine größere Rolle spielt", wie er sagt.

Mit 5 Cent mehr pro Tafel Schokolade könne man schon viel verändern, so Hütz-Adams. Dafür müssten allerdings langfristige, transparente Lieferbeziehungen aufgebaut werden: "Nur so kann garantiert werden, dass das Geld auch bei den Bäuerinnen und Bauern (in Westafrika) ankommt", meint Hütz-Adams.

Was heißt “fair” oder “sozial”?

Was fair und sozial an ihrem Siegel ist, bestimmen aktuell die Organisationen und Unternehmen selbst. Es gibt keine gesetzlichen Standards für diese Siegel. Diese mahnen Verbraucherschützer schon lange an: "Laut einer Umfrage wissen wir, dass Verbraucherinnen den Siegeln gar nicht vertrauen und dass sie sich eine staatliche Regulierung wünschen. Wir fordern von der EU, gesetzliche Mindeststandards festzulegen für sozialverträgliche Werbeversprechen und Siegel“, so Lisa Völkl vom Verbraucherzentrale Bundesverband.

Standards, wie es sie zum Beispiel beim Bio-Siegel schon gibt – hier wissen die Verbraucher, was es bedeutet und vertrauen auch darauf.

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Marktcheck SWR

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