Neufassung des „Der Zauberer von Oz“

Kinofilm „Wicked“: Ein neuer Goldstandard für Filmmusicals

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Autor/in
Dominic Konrad
Dominic Konrad, Autor und Redakteur bei SWR Kultur und SWR Musik

Die grüne Hexe aus „Der Zauberer von Oz“ gruselt Kinder seit mehr als 80 Jahren. Nun fragt das Filmmusical „Wicked“: Was hat die Hexe so böse gemacht? Fans der Musical-Vorlage haben jahrelang auf die Neuverfilmung gewartet. Sie werden nicht enttäuscht: Der Film von John M. Chu brilliert in seinem Genre.

Jubelnd versammeln sich die Völker im magischen Land Oz, als Glinda die Gute, die Hexe des Nordens, singend verkündet: Die böse Hexe des Westens ist tot. Lange Zeit hielt sie Oz als mächtige Widersacherin des Zauberers in Atem. Ein Mädchen namens Dorothy Gale, das bei einem Wirbelsturm mitsamt Haus aus Kansas nach Oz geweht wurde, brachte die Hexe mit einem Eimer Wasser zum Schmelzen.

So weit, so bekannt: Der Jubel über den Tod der Hexe läutet im berühmten Filmmusical „Der Zauberer von Oz” von 1939 das Finale ein. Das Fantasy-Musical „Wicked“ beginnt an dieser Stelle und wirft die Frage auf, wie die Hexe wurde, wer sie war.

Ist jemand von Geburt aus böse? Oder bekommt man das Böse erst später eingeflößt?

Film-Musical „Wicked“: Hexe Elphaba (Cynthia Erivo) flieht auf ihrem Besen aus der Smaragdstadt
Wie wurde aus dem grünen Mädchen Elphaba (Cynthia Erivo) die gefürchtete Hexe des Westens? Das Filmmusical „Wicked“ zeichnet ihre Geschichte nach.

College-Drama im Lande Oz

Von Kindesbeinen an leidet Elphaba (Cynthia Erivo) darunter, anders zu sein. Grund dafür ist ihre – auch im Land Oz ungewöhnliche – grüne Hautfarbe. Als sie ihre Schwester an die prestigeträchtige Glizz-Universität begleitet, bemerkt die dortige Dekanin Madame Akaber (Michelle Yeoh) ihre magischen Fähigkeiten. Elphaba soll lernen, ihre Kräfte zu beherrschen und so vielleicht eines Tages zur rechten Hand des Zauberers werden.

Das Leben an der Glizz wäre für sie deutlich leichter, wenn sie sich nicht das Zimmer mit der so schönen wie selbstverliebten Glinda (Ariana Grande) teilen müsste. Aus anfänglicher Abscheu entwickelt sich am Ende aber doch eine tiefe Freundschaft.

Film-Musical „Wicked“:  Der Hexenhut der grünen Hexe Elphaba (Cynthia Erivo)
Keiner weint um Hexen: Freude herrscht im Reich von Oz, als der Tod der bösen Hexe des Westens verkündet wird. Dorothy Gale, ein Mädchen aus Kansas, brachte sie mit einem Eimer Wasser zum Schmelzen, erzählt man sich. Bild in Detailansicht öffnen
Film-Musical „Wicked“: Die grüne Hexe Elphaba (Cynthia Erivo) blickt in die Kamera
Doch war die Hexe des Westens immer böse? In ihrer Jugend erfährt Elphaba (Cynthia Erivo) immer wieder Ablehnung, auch innerhalb der Familie. Der Grund: ihre seltsam grüne Hautfarbe. Bild in Detailansicht öffnen
Film-Musical „Wicked“: Hexe Galinda (Ariana Grande) kommt an der Shiz University an.
Auch ihre Mitstudentin Galinda (Ariana Grande), das beliebteste Mädchen der Glizz Academy, begegnet Elphaba zunächst ablehnend. Was es nicht unbedingt einfacher macht: Galinda und Elphaba müssen sich ein Zimmer teilen. Bild in Detailansicht öffnen
Film-Musical „Wicked“: Die Zimmerkameradinnen Galinda (Ariana Grande) und Elphaba (Cynthia Erivo)
Nach und nach schlägt die gegenseitige Ablehung in Freundschaft um. Galinda versucht sich mit Elphaba zu versöhnen, indem sie ihr hilft, sich bei den Mitstudent*innen beliebter zu machen. Bild in Detailansicht öffnen
Film-Musical „Wicked“: Der Zauberer von Oz (Jeff Goldblum) und Madame Akaber (Michelle Yeoh)
Elphabas magische Fähigkeiten werden von Madame Akaber (Michelle Yeoh), der Leiterin der Glizz-Academy, entdeckt und gefördert. Sie schlägt dem großen Zauberer von Oz (Jeff Goldblum) ein Treffen mit der jungen Hexe vor. Bild in Detailansicht öffnen
Film-Musical „Wicked“: Fiyero (Jonathan Bailey), Prinz von Winkieland
Steht ein Mann schließlich zwischen den Freundinnen? Fiyero (Jonathan Bailey) ist ein verantwortungsloser Partylöwe, der direkt ein Auge auf Galinda wirft. Doch Elphaba bringt in ihm eine ernstere Seite zum Vorschein, die er selbst nicht kennt. Bild in Detailansicht öffnen
Film-Musical „Wicked“: Elphaba (Cynthia Erivo) befreit ein Löwenjunges aus der Gefangenschaft.
Fiyero hilft Elphaba dabei, ein Löwenjunges aus einem Käfig zu befreien. Tiere, die in Oz sprechen können und ähnlich wie Menschen leben, verlieren immer häufiger ihre Fähigkeiten. Elphaba will sich für die Freiheit der Tiere einsetzen. Bild in Detailansicht öffnen
Film-Musical „Wicked“: Hexe Elphaba (Cynthia Erivo) blickt zu Boden auf ihren magischen Besen
Elphaba wird zu einer Audienz beim Zauberer eingeladen. Sie begibt sich auf den Weg in die Smaragdstadt, das politische Zentrum von Oz. Hier will sie den Zauberer auf die verzwickte Lage der Tiere aufmerksam und sich für ihre Rechte stark machen. Bild in Detailansicht öffnen
Film-Musical „Wicked“: Die grüne Hexe Elphaba (Cynthia Erivo) rückt sich ihren Hexenhut zurecht.
Schockiert muss Elphaba feststellen, dass der Zauberer überhaupt keine magischen Kräfte besitzt. Er und Madame Akaber stecken hinter der Einschränkung der Tierrechte, um die Menschen als Herrenrasse in Oz zu etablieren. Elphaba will sich dem Zauberer nicht anschließen. Während Elphaba flieht, entschließt sich Galinda, die sich nun Glinda nennt, zum Bleiben. Bild in Detailansicht öffnen

Unbehagen bereitet Elphaba auch die tierfeindliche Stimmung, die in Oz um sich greift. Menschen und sprechende Tiere leben hier eigentlich Seite an Seite. Doch nun verlieren die Tiere ihre Sprache und werden aus der Gesellschaft ausgestoßen. Als Elphaba ein Treffen mit dem Zauberer (Jeff Goldblum) angeboten wird, will sie sich für die Belange der Tiere einsetzen.

Absolution einer Filmschurkin

Es ist wirklich keine einfache Aufgabe, die sich „Wicked“ gestellt hat: die Absolution eines der berühmtesten Bösewichte der Filmgeschichte. Victor Flemings Film nach den Kinderbüchern von L. Frank Baum ist einer von nur einer Handvoll von Filmen, die aufgrund ihrer kulturgeschichtlichen Bedeutung ihren Weg auf die Liste des Unesco-Weltdokumentenerbes gefunden haben.

„Der Zauberer von Oz“ (1939): Die böse Hexe des Westens (Margaret Hamilton) bedroht Dorothy Gale (Judy Garland)
Archetyp der bösen Hexe: Margaret Hamilton spielte in „Der Zauberer von Oz“ (1939) die böse Hexe des Westens, die es auf Dorothy Gale (Judy Garland) abgesehen hat. Ihre grüne Hautfarbe bekam die Hexe im Film, um die neuen Möglichkeiten des Technicolor-Films visuell voll auszuschöpfen.

Doch der Film muss nicht nur den Ansprüchen der Fans des „Zauberers von Oz“ genügen. Das Musical „Wicked“ gehört zu den beliebtesten Bühnenstücken der vergangenen Jahrzehnte und bringt selbst Heerscharen von kritischen Fans mit sich.

Das Stück mit Musik aus der Feder von Komponist Stephen Schwarz („Pippin“, „Der Prinz von Ägypten“) wird seit über 20 Jahren am Broadway gespielt und zählt zu den erfolgreichsten Musicals überhaupt.

Sängerin Kristin Chenoweth (li.) und Sängerin Indina Menzel (beide USA) während einer Fotoprobe zum Broadway-Musical "Wicked"
Bis heute gilt die Besetzung der Broadway-Fassung als legendär: Kristin Chenoweth (als Glinda) und Indina Menzel (als Elphaba) haben auch im Kinofilm einen Gastauftritt.

Wenig „Oztalgie“ beim deutschen Publikum

In Deutschland wurde „Wicked“ 2007 im Stuttgarter Palladium-Theater erstaufgeführt. Doch so richtig warm geworden ist das deutsche Publikum nie mit dem Stück. Unter Musical-Fans genießen die Songs regelrechten Kultstatus, doch mit Dauerbrennern wie „Tanz der Vampire“ oder „Der König der Löwen“ konnte „Wicked“ nicht konkurrieren.

Der wichtigste Grund dafür dürfte in der fehlenden Nostalgie liegen. Während „Der Zauberer von Oz“ in den Vereinigten Staaten Generationen von Kindern begeisterte, blieb er in Deutschland wenig mehr als eine Randerscheinung. Hat nun die Filmfassung von „Wicked“ das Potenzial, das zu ändern?

Film-Musical „Wicked“: Zwischen den Hexen Elphaba (Cynthia Erivo) und Galinda (Ariana Grande) entwickelt sich eine starke Freundschaft.
Zwischen den Hexen Elphaba (Cynthia Erivo) und Galinda (Ariana Grande) entwickelt sich nach anfangs gegenseitiger Abscheu eine starke Freundschaft.

Neuer Goldstandard für Musicalfilme

Die Antwort ist ein vollumfängliches: Ja. Denn was Regisseur John M. Chu gelingt, ist nicht weniger als ein visuelles Meisterwerk, das einen neuen Goldstandard für Musical-Verfilmungen setzen könnte.

Die Handlung des Musicals wurde auf zwei Filme ausgewalzt. Allein der erste Teil, der den ersten Akt des Bühnenstücks behandelt, kommt auf eine Länge von mehr als zweieinhalb Stunden. Den Drehbuchautorinnen Dana Fox und Winnie Holzmann (letztere verfasste bereits das Musicalskript) gelingt es trotzdem, die Handlung so detailreich auszuschmücken, dass man sich mit schierer Freude in der fantastischen Welt verliert.

Dass John M. Chu einschlägige Erfahrung als Regisseur von Musik- und Tanzfilmen hat, wird vor allem in den großen, von Christopher Scott choreografierten Tanznummern deutlich. Diese gelingen spektakulär. Auf TikTok wird eine Sequenz aus der Nummer „What Is This Feeling“ bereits marketingwirksam nachgetanzt.

Wicked | What Is This Feeling

Cynthia Erivo als Elphaba ist eine Naturgewalt

Bei aller visueller Opulenz und Ausstattungsschlacht gelingen Chu aber auch die kleinen, emotionalen Momente – nicht zuletzt dank seiner herausragenden Hauptdarstellerin Cynthia Erivo. Der 37 Jahre alte Musicalstar schafft es, Elphabas kindliche Verletzlichkeit genauso einzufangen wie ihren unbändigen Kampfgeist. Die Übergänge zwischen Sprechtext und Gesang gelingen ihr bemerkenswert natürlich und fließend.

Im Dramatischen hat es Popstar Ariana Grande schwer, in ihrer Rolle als blonde Glinda mitzuhalten. Dafür gelingen ihr gerade die komischen Momente dank vollem Körpereinsatz. Auch gesanglich macht sie mit kristallklaren Höhen eine gute Figur. Genauso überzeugen der musicalerfahrene Jonathan Bailey, bekannt aus „Bridgerton“, als Herzensbrecher Fiyero und Jeff Goldblum als kauziger Zauberer von Oz.

Mit dem Showstopper „Defying Gravity“, in der deutschen Fassung „Frei und schwerelos“, entlässt Regisseur Chu sein Publikum in die einjährige Wartezeit bis zum zweiten Teil. Dann wird die Geschichte in die Handlung von „Der Zauberer von Oz“ übergehen.

Warten fällt schwer, man wäre nur zu gerne noch ein Weilchen in dieser fantastischen Welt geblieben.

„Wicked – Teil 1“, ab 12. Dezember 2024 im Kino

WICKED | Offizieller Trailer #2 deutsch/german HD

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